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Wofür ist der Geschwisterkreis gut?

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© Katrina Brown - Fotolia.com

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Anna-Lena hat in ihrer Kindheit wirklich Pech gehabt.

Von außen betrachtet würdest du sagen: Anna-Lena hat total Glück gehabt.

Ihr fehlte es an nichts:

  • Ein Zimmer voller Spielzeug.
  • Drei spannende Urlaube mit ihren Eltern im Jahr.
  • Ihre Eltern sind immer noch zusammen.
  • Alles wurde ihr ohne Probleme bezahlt: Reitstunden, Tennisclub, Austauschjahr in den USA …

Und doch sitzt Anna-Lena jetzt im Stuhlkreis neben mir und weint.

„Ich fühle mich so einsam.“

Während der Aufstellung wird klar, dass ihr Gefühl sie nicht trügt.

Sowohl die Stellvertreterin ihrer Mutter als auch der Stellvertreter ihres Vaters stehen mit apathischem Blick in der Aufstellung.

Ihre Eltern sind nicht richtig „da“.

Auch durch mehrere Interventionen in der Aufstellung konnten sie nicht ins Hier und Jetzt geholt werden.

Im Vorgespräch hatte Anna-Lena mir erzählt, dass beide auf der Hochzeitsreise in Indien Zeugen eines schweren Zugunglücks mit vielen Toten und Verletzten gewesen waren.

Diese schlimme Erfahrung war aber nie richtig verarbeitet worden.

Anna-Lena erzählte weiter, dass es immer wieder eine große Geschwisterrivalität zwischen ihren beiden älteren Brüdern, ihr und der jüngeren Schwester gegeben habe.

Das ist verständlich, denn jede kleine wirkliche Aufmerksamkeit der Eltern, die über das reine Funktionieren hinaus zu haben war, war ein kostbarer, sehr begehrter Augenblick für 4 emotional absolut ausgehungerte Kinder.

Anna-Lena hat dadurch nie echte elterliche Nähe verspüren können.

Das macht einsam.

Ich nahm sie dann selbst in die Aufstellung hinein.

Zuerst habe ich sie an ihre Wut auf ihre Eltern, die nie für sie da waren, herangeführt.

Dann an den Schmerz darüber, dass ihre Eltern ihr so gut wie keine Liebe geben konnten.

Danach ging es darum, etwas Gutes in ihrer Kindheit zu finden, auf das sie aufbauen konnte.

Und das waren – trotz aller Rivalität – ihre Geschwister.

Ihre Geschwister standen während den zuvor erwähnten Prozessen des Loslassens von Wut und Trauer die ganze Zeit in der Aufstellung.

Die Rückmeldungen der Stellvertreter der Geschwister zeigten auf, dass es allen ähnlich ging wie Anna-Lena.

Ich lud alle Geschwister ein, einen größeren Abstand von ihren Eltern zu nehmen und einen Kreis zu bilden, indem sie sich alle umarmten – so eng wie möglich, aber auch so, dass sich alle noch gut fühlten.

Das war eine sehr kraftvolle Erfahrung für Anna-Lena.

Sie fühlte sich das erste Mal in ihrem Leben gehalten (im wahrsten Sinne des Wortes) und unterstützt.

Die gemeinsame Erfahrung, nur ganz wenig echte Liebe und Aufmerksamkeit bekommen zu haben, führt zu einem tiefen Verständnis füreinander heute im Erwachsenenalter.

Dieses Erleben des Geschwisterkreises braucht in der Realität nicht wiederholt zu werden.

Es wirkt durch die Aufstellung über das alles verbindende Feld.

Nachdem Anna-Lena einige Minuten bei ihren Geschwistern aufgetankt hat, lasse ich sie noch einige wichtige Sätze sagen.

„Liebe Mama, lieber Papa: ihr habt schlimme Dinge erlebt. Es war und ist euer Schicksal. Ich lasse es bei euch. Ich bin nur eure Tochter. Schaut freundlich auf mich, wenn ich hier im Geschwisterkreis verweile. Ich gehe jetzt in mein Leben mit meinen Geschwistern, vielen Freunden und Bekannten.“

Hier war es nicht nötig, etwas an die Eltern zurückzugeben.

Anna-Lena hatte nichts übernommen, sondern gar nichts bekommen.

Mit der Erfahrung des Geschwisterkreises in der Aufstellung wurden ihre bisherigen Erfahrungen der Einsamkeit das erste Mal „überschrieben“.

Sie kann sich bei aufkommender Einsamkeit jetzt immer wieder daran zurückerinnern.

Anna-Lena hatte mit ihren Eltern Pech, aber Glück, dass sie mit ihren Geschwistern eine kraftvolle Verbindung eingehen kann.

Für Anna-Lena änderte sich sich nach der Aufstellung einiges.

Obwohl sie ihren Geschwistern von der Aufstellung nichts erzählte, rief bereits am nächsten Tag ihre jüngere Schwester an und sie redeten stundenlang und tief gehend, wie noch nie zuvor.

Natürlich spürt Anna-Lena immer noch gelegentlich Einsamkeit, aber nie mehr so bedrohlich und existenziell, wie es vor der Aufstellung gewesen war.

Sobald jetzt Einsamkeit hochkommt, denkt sie im Gedanken an den Geschwisterkreis und verbindet sich in ihrer Erinnerung an das gute Gefühl, als sie im Kreis gehalten und umarmt wurde.

 

Allgemein ist der Geschwisterkreis dann wichtig, wenn eine Person Eltern hat, die aus irgendwelchen Gründen „nicht ganz da sind“.

Das können u. a. Traumata, Zug ins Totenreich, Selbstentfremdungen oder überstarke Projektionen sein, die bei beiden Eltern zugleich auftreten.

 

Wie ist das Verhältnis zu deinen Geschwistern?

Gab oder gibt es vielleicht einen tiefer liegenden Grund für eure Rivalität?

Waren deine Eltern ganz „da“ für dich?

Bist du emotional ausgehungert?

Bist du einsam?

 

Wenn du diese Fragen auf dich wirken lässt, kannst du prüfen und nachspüren, wie es in deiner Familie war.

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