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Wie schnell aus einer Traum- eine Trauma-Aufstellung werden kann

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© stakaz - Fotolia.com

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„Seit zwei Jahren träume ich mindestens ein Mal im Monat fast denselben Traum:

Ich stehe oben an einer Art Kellertreppe. Bei mir ist etwas Licht, das aber nur bis ungefähr 10 Stufen nach unten leuchtet. Ich habe furchtbare Angst und mein weißes Nachthemd klebt voll Schweiß an mir. Plötzlich kommen Zombies langsam die Treppe hoch und ich bleibe im ersten Moment wie angewurzelt stehen …“

Derya ist eine 28jährige Türkin, die eine Traumaufstellung bei mir macht.

Sie kann sich an keinen Auslöser für die Träume vor zwei Jahren erinnern.

„… dann merke ich, dass ich ein Schwert in der Hand habe, und laufe den Zombies entgegen, damit sie nicht nach oben gelangen können. Ich steche zu und stelle irritiert fest, dass das Schwert keinen Schaden anrichtet – es ist stumpf. Voll Panik packe ich den Griff des Schwertes mit beiden Händen und verwende es wie einen Knüppel. Tatsächlich kann ich die Zombies so mit der Zeit immer weiter in die Dunkelheit zurückscheuchen – und dann wache ich total erschöpft auf …“

Eine Aufstellung von Träumen und Traumsituationen versucht, den wichtigen Punkt eines Traumes nachzustellen und möglichst einen Schritt weiter in Richtung einer Lösung oder Auflösung zu gehen.

Dazu werden wichtige Elemente der Traumsymbolik kurz interpretiert, um einen Anhaltspunkt zu haben, um was es im Groben geht.

In Fall von Derya waren es folgende Traumsymbole:

Oben stehen, Keller, Treppe/ 10 Stufen, Dunkelheit, weißes Nachthemd, Zombies, stumpfes Schwert, wie angewurzelt stehen, zurückdrängen.

Wie gesagt wird deren Bedeutung stichwortartig in einem Traumsymbolbuch nachgeschlagen (z. B. „10.000 Träume“ von Pamela Ball).

Oben stehen: (speziell hier) der Verstand regiert/hat die Macht

Keller: das Unbewusste, das Verdrängte

Treppe: Verbindung zwischen Bewusstem und Unbewusstem, meist verdrängten Gefühlen

Stufen (nach unten): sich der Vergangenheit/dem Verdrängten annähern

Zahl 10: Neuanfang (u. a.)

Dunkelheit: Ort der Geheimnisse, des Unbekannten, des Schattens

Nachthemd: Entspannung, Offenheit

Weiß: Unschuld, Reinheit

Zombies: abgespaltener Anteil des Träumenden

Schwert: Gerechtigkeit, Unterscheidungskraft, Macht

Stumpf: schlecht gewartet, unbrauchbar

Angewurzelt/Wurzel: Auseinandersetzung mit Familie/Ahnen/Herkunft

Zurückdrängen: wie verdrängen, nicht wahrhaben wollen

Wenn wir die Traumsymbole kurz zusammenfassen und interpretieren, so geht es in Deryas Traum um einen abgespaltenen Teil von ihr, also einer wichtigen Erinnerung, die ans Tageslicht will – die also gesehen werden will. Ihr Verstand versucht das mit allen Mitteln zu verhindern, indem er mit aller Macht diese Erinnerungen aus der Vergangenheit verdrängt.

Um welche Erinnerungen kann es sich handeln?

Das weiße Nachthemd weist auf Unschuld und Offenheit hin. Dies wird oft mit der Kindheit verbunden. Das wie angewurzelt Stehen legt nahe, dass es um die Familie geht. Das Schwert ist stumpf. Vornehmlich steht das Schwert für Macht und Gerechtigkeit. Also könnte man ein stumpfes Schwert dann als Symbol für Ohnmacht und Ungerechtigkeit ansehen.

Derya ist wahrscheinlich etwas Schlimmes im Zusammenhang mit ihrer Familie passiert, als sie noch ein Kind war. Der wiederkehrende Traum bereitet sie darauf vor, dass es jetzt Zeit ist, sich diese verdrängte Erinnerung anzuschauen.

Als ich Derya frage, ob ihr etwas Derartiges in ihrer Kindheit in Erinnerung sei, schüttelt sie verneinend den Kopf.

Das war zu erwarten.

Jetzt kommt die Traumaufstellung ins Spiel.

Wir stellen jetzt genau diese Situation nach, indem Derya eine Stellvertreterin für sich und drei Stellvertreter für Zombies auswählt.

Ich bitte Derya noch zusätzlich, eine Ressource auszuwählen, da das Verdrängte – gerade wenn es um Ohnmacht geht und so stark verdrängt war – wahrscheinlich eine traumatische Erfahrung war.

„Mein Name heißt übersetzt ‚der Ozean, das Meer‘ – das hat mir immer geholfen!“, sagt sie bestimmt.

Bei der Überprüfung stellt sich das Meer tatsächlich als starke Ressource heraus, mit der wir es wagen können, das Thema anzuschauen.

Derya stellt die Traumsituation wie folgt auf:

Derya 1

D = Stellvertreterin Derya, R = Ressource/Meer, Z1 = Zombie 1, Z2 = Zombie 2, Z3 = Zombie 3

L = Aufstellungsleiter, andere Abkürzungen wie oben

L: Derya, das Lineal in deiner Hand repräsentiert das stumpfe Schwert. Wie fühlst du dich mit der Ressource ‚Meer‘ im Rücken und dem Schwert in der Hand?

D: Das Meer gibt mir Kraft. Ich fühle mich etwas wacklig und habe Angst vor den Zombies. Das Schwert kommt mir lächerlich vor.

L: Ich möchte hier sehr vorsichtig vorgehen. Schau dir mal die drei Zombies genau an. Welcher von den Dreien ist für dich am wenigsten Furcht einflößend?

D: Mmmh … Der Mittlere [Zombie 2].

L: OK. Dann arbeiten wir heute nur mit diesem und die anderen bleiben passiv hinten stehen.

D: OK …

L: Derya, Zombie 2 kommt jetzt ganz langsam auf dich zu. Sie (es ist eine Frau als Stellvertreterin des Zombies) ist höchstwahrscheinlich eine Erinnerung von dir. Sie will dir nichts tun, aber das Erinnern kann sehr schmerzhaft sein. Sag bitte Stopp!, wenn es dir zu viel wird.

Zombie 2 geht langsam auf Derya zu. Kurz vor ihr ruft Derya Stopp!

Derya 2

Ich frage Derya selbst, ob sie bereit ist, den Platz ihrer Stellvertreterin einzunehmen, um sich besser erinnern zu können. Sie willigt ein.

L: Fühl dich hier mal ein. Vor dir ist eine Furcht einflößende Erinnerung. Wie geht es dir mit ihr?

D: Puh … Es ist zwar anders wie im Traum, aber es fühlt sich ähnlich an. Ich bin misstrauisch.

L (zu Z2): Wie ist es bei dir? Hast du etwas zu sagen?

Z2: Ich möchte nur zu ihr. Es ist so etwas wie Wut in mir, aber nicht auf sie.

L: Derya, würdest du das Lineal hinter dich an das Meer geben? Könntest du das tun?

D: Aber dann habe ich keine Waffe mehr …

L: Das stimmt. Kannst du dem Meer vertrauen, dass es für dich das Schwert schwingt, falls du Hilfe brauchst?

D (zögert kurz, dann mit fester Stimme): Ja!

L: OK. Der Zombie vor dir ist höchstwahrscheinlich ein abgespaltener Teil von dir. Könntest du dir vorstellen, dass du einen ganz kleinen Schritt auf ihn zumachst? Stell dir das nur mal vor, OK?

D: OK.

L: Was fühlst du, wenn du dir das vorstellst?

D: Ich habe Angst und meine Beine zittern.

L: Wo genau in deinem Körper spürst du die Angst?

D: Im … Solarplexus … und an der Stirn …

L: OK. Gibt es einen Bereich in deinem Körper, wo es sich gerade gut anfühlt?

D: Mmmh … vielleicht … meine Arme …

L: Ok. Gut. Pendle mal zwischen dem Solarplexus und den Armen, der Stirn und den Armen. Fühl da jeweils hin, bis du genau weißt, wo es sich gut und wo es sich nicht so gut anfühlt, OK? Und atme mal da auch hin.

Derya atmet, schließt die Augen, macht sie wieder auf. Nach ein paar Minuten atmet sie ganz ruhig.

L: Gut. Willst du es wagen, einen kleinen Schritt zu machen? Fühl dabei zu den Armen und atme bewusst.

D: Ja, ich mach’s.

Sie geht einen Schritt auf den Zombie zu und fängt heftig an zu atmen. Dann lehnt sie sich an das Meer an, das mitgegangen war.

L: OK, das war sehr gut. Kannst du es aushalten? Kannst du deine Arme spüren und das Meer in deinem Rücken?

D: Puh. Ja. Ich brauche Zeit.

L: OK, nimm dir die Zeit, die du brauchst.

Wir warten ein paar Minuten.

D: OK. Es geht wieder.

L: Stell dir mal vor, du solltest mit deiner rechten Hand den Zombie berühren. Wie geht es dir mit dieser Vorstellung?

D: Olala. Soll ich den Zombie vielleicht noch umarmen und knuddeln oder was …?

L: Ganz ehrlich: Es wäre gut, wenn du ihn tatsächlich umarmen könntest, als Symbol dafür, ihn wieder zu dir zu nehmen. Was macht das mit dir, wenn ich dir dies sage?

D: Äh … Angst … und ich glaub’s nicht …

L: Das musst du auch nicht tun, auch nicht heute. Ich sage nur, dass es für dich sehr heilsam sein könnte, diese Erfahrung zu machen.

D: Puh … ich weiß nicht.

L: Das ist ganz deine Entscheidung. Und es ist nicht leicht – ich weiß das. Interesse, es zu probieren? Bist du nicht neugierig, worum es hier geht?

D: Mmh … schon.

L: OK. Schließ mal die Augen. Stell dir mal vor, dass der Zombie plötzlich an einem Reisverschluss zieht und sein Aussehen wie ein Kostüm abstreift. Darunter kommt eine kleine Derya als Kind zum Vorschein, die dir unbedingt was Wichtiges mitteilen will. Kannst du dir das vorstellen?

D: Mmh … ja.

L: OK. Behalte mal das Bild der kleinen Derya im Kopf, lasse die Augen geschlossen und umarme jetzt die Person vor dir!

D (zögert kurz): OK …

Derya umarmt mit geschlossenen Augen den Zombie.

L: Kannst du es aushalten?

D: Ja.

L: OK. Wie alt fühlt sich die kleine Derya an?

D: Mmh … wie 5 oder 6 Jahre.

L (zu Z2): Wie alt fühlst du dich in der Erinnerung?

Z2: Ja. Das Alter kommt hin.

L (zu D): Spür weiterhin in die Umarmung und gehe mal mit deinen Erinnerungen in dieses Alter – war da was?

D: Mmmh – ich weiß nicht. Ich muss nur an ein Kinderfoto von mir denken, dass ich mit 6 kurze Haare hatte …

L: Und davor? Mit 5?

D: Da hatte ich ganz lange Haare …

Plötzlich fängt Derya an zu zittern und heftig zu atmen.

L: Derya, mach die Augen auf und schau mich an!

D (stöhnt und reißt die Augen auf): Meine … Haare … brennen …

Da ich heute ohne Assistenten arbeite und die Aufstellung nicht auf Traumalösung ausgelegt war, hole ich Derya sofort aus dem beginnenden Akut-Trauma heraus.

L: Schau mich an! Spüre das Meer in deinem Rücken. (zu Z2) Lass sie los und geh zwei Schritte zurück!

Ich hole Derya mit verschiedenen Interventionen sofort ins Hier und Jetzt zurück.

Dann beenden wir die Aufstellung.

Als sie neben mir wieder auf dem Stuhl sitzt, erzählt sie noch, was ihr wieder eingefallen ist.

Als sie ungefähr 6 Jahre alt war, hatte ihre Mutter sie an die Heizung gefesselt und ihre Haare mit einem Feuerzeug angezündet. Die Mutter hat die Flammen gleich wieder gelöscht und Derya die Haare geschnitten, um alles zu vertuschen. Derya hatte seitdem eine Heidenangst vor ihrer Mutter. Sie weiß nicht, warum das ihre Mutter getan hat. Bis zum heutigen Tag hatte sie diese Erinnerung verdrängt.

Ich bitte sie eindringlich, deswegen in Therapie zu gehen, was sie dann auch getan hat.

Der Traum ist seitdem nicht mehr wiedergekehrt.

Es ist zu vermuten, dass in der Therapie noch weitere schlimme Erinnerungen aufgedeckt werden. Dafür spricht die Vielzahl der Zombies im Traum.

Diese Traumaufstellung stellt ein extremes Beispiel dar.

Normalerweise geht es meist um andere Dinge.

Oft geht es um:

  • Persönliche Reifungsschritte,
  • Veränderungen in Partnerschaft, Beruf oder Umfeld
  • Eltern werden
  • die Auseinandersetzung mit dem Tod/dem Sterben
  • ungelebte Sehnsüchte
  • Ängste gegenüber dem sozialen Umfeld (Stichwort Anpassung versus Authentizität)

 

Zusammenfassung:

Das hier beschriebene Vorgehen mit einer abgespaltenen Erinnerung kann wichtige Schlüsselerlebnisse aus der Vergangenheit des Menschen ans Tageslicht bringen.

Für Derya war es schlussendlich erleichternd, sich wieder zu erinnern.

Denn erst jetzt kann sie sich auf den Pfad der Heilung begeben.

Das Familienstellen hat seine besondere Stärke darin, Situationen mit Stellvertretern nachstellen zu können, um somit leichter Zugang zu seinen Gefühlen und verschütteten Erinnerungen zu bekommen. Und das in verhältnismäßig kurzer Zeit.

Ich würde mir sehr wünschen, dass die verschiedenen Therapieformen Hand in Hand miteinander arbeiten würden.

Traumaufstellungen nehmen mit der Traumanalyse Anleihe bei der Psychoanalyse. Derya ist jetzt in psychotherapeutischer Behandlung.

Gewisse destruktive Tendenzen bei ihr könnten mit einer Verhaltenstherapie abgemildert werden.

Und das Familienstellen könnte bei genügender Stabilisierung Deryas wieder nach den systemischen Hintergründen für die Tat der Mutter suchen und diese auflösen.

Es bleibt zu hoffen, dass Deutschland, zumindest was die systemische Therapie betrifft, mit Österreich gleichzieht und sie als 4. Therapieform neben Psychoanalyse, Verhaltenstherapie und Psychotherapie von den Krankenkassen anerkennt.

Vielleicht ist der Weg dann nicht mehr weit, dass auch das Familienstellen irgendwann einen Platz in dieser illustren Runde findet.

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