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Wie Abspaltungen dich verwirren können

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© psdesign1 - Fotolia.com

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Ritas Stellvertreterin steht mit stechendem Blick vor dem Stellvertreter ihres Vaters.

„Wie geht es dir mit deinem Vater, Rita?“

„Gut, keine Probleme.“

„Wie sieht der Vater das?“

„Ich fühle Wut auf mich bei Rita und das betrübt mich.“

„Ich bin doch gar nicht wütend auf dich, Papa!“, dabei ballt Ritas Stellvertreterin die Fäuste.

Ich frage Rita selbst: „Bist du wütend auf deinen Vater?“

„Nein. Wir haben ein gutes Verhältnis.“ Auch sie ballt dabei die rechte Hand zur Faust.

„Bist du offen für ein Experiment, Rita?“

„Ja, klar, wenn’s hilft!“

„Suche dir einen Stellevertreter für ‚abgespaltene Wut‘ und führe ihn in die Aufstellung!“

Die abgespaltene Wut hier ist ein Beispiel für eine Abspaltung.

Was genau hat es mit der Abspaltung auf sich?

 

Formen der Abspaltung

Abspaltungen (Dissoziationen) kommen in verschiedenen Bereichen vor:

Es kann eine Erinnerung oder ein Gedanke abgespalten sein.

Es kann eine (auch mehrmals vorkommende oder sogar traumatische) Erfahrung abgespalten werden.

Es kann ein Gefühl abgespalten sein (wie im obigen Beispiel bei Rita).

Es kann ein Verhalten im dissoziierten Zustand zutage kommen, dass hinterher nicht mehr erinnert wird.

Es kann zu körperlichen Aussetzern kommen wie Taubheit, Lähmung, Verschwinden von Schmerz, Nicht-Wahrnehmen-Können von bestimmten Körperregionen oder eine Einschränkung von Sinneswahrnehmungen (Hör- und Sehstörungen, Verlieren des Geruchs- und Geschmackssinns und Einschränkungen des Tastsinns u. a.).

Es kann zur Abspaltung ganzer Persönlichkeits- und Seelenanteile kommen.

Viele Abspaltungen kommen im Zusammenhang mit Traumata vor, doch auch andere Ursachen sind möglich (dazu gleich mehr im nächsten Abschnitt ‚Ursachen‘).

All diese Abspaltungen können ein Eigenleben entwickeln und z. B. auch ‚übernommen‘ werden (von Kindern, Partnern, Nachfahren …).

Dies macht es besonders schwierig, sie zu erkennen und zuzuordnen.

Fragen wie „Ist das mein Gefühl oder etwas Übernommenes?“ oder „Hab ich das wirklich gemacht?“ lassen dich an deinem Verstand, deinem Selbst und deiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln.

 

Ursachen für Abspaltungen

Der erste, wichtige Grund für Abspaltungen ist die sogenannte soziale Erwünschtheit.

In seiner milden, vielleicht uns allen bekannten Form kennen wir es als Verdrängung von von der Gesellschaft, der Familie oder anderen wichtigen Bezugspersonen als schlecht, böse, pervers, ungehörig, unschicklich etc. angesehenem Verhalten.

Ich würde Verdrängung als eine Art Vorstufe zur Abspaltung ansehen.

Es sind die Dinge, die C.G. Jung als die in den Schatten verschobenen Taten, Gefühle, Ambitionen und Wünsche bezeichnete.

Wenn nun ein innerer Druck (z. B. starker moralischer Persönlichkeitsanteil) oder ein massiver (echter oder empfundener) äußerer Druck auf ein Individuum ausgelöst wird, kann es zu einer Abspaltung kommen.

Hauptauslöser sind Schuld, Scham und Minderwertigkeitskomplexe.

Auch ganze Gesellschaften können Dinge kollektiv abspalten, in dem sie tabuisiert oder einfach nicht erwähnt werden (wie z. B. geschehen während der Nazi-Diktatur).

 

Der zweite wichtige Grund für Abspaltungen sind Traumata.

Hier war das Erlebte so schlimm für die Person, dass sie diese Erfahrung abgespalten hat, um weiterzuleben zu können.

In diesem Artikel hier möchte ich mich auf den ersten Aspekt beschränken (die Abspaltung bei Traumata wird ausführlich in meinem demnächst erscheinenden Buch „Familienstellen und Trauma“ dargestellt).

 

Kommen wir jetzt auf die eingangs gezeigte Aufstellung zurück:

Rita hatte um eine Aufstellung gebeten, weil sie sich innerlich sehr zerrissen fühlt und nicht weiß, woran das liegt.

Rita wählt nun für die abgespaltene Wut eine Frau als Stellvertreterin und führt sie in die Aufstellung mit etwas Abstand zu ihrer Stellvertreterin.

Rita 1

L=Leiter der Aufstellung, R=Rita, V=Vater, AW=abgespaltene Wut

L (zu R): Wie geht es dir jetzt, wo die abgespaltene Wut in der Aufstellung ist?

R: Eigentlich unverändert, vielleicht etwas klarer.

L (zur AW): Hast du eine Berechtigung, in der Aufstellung zu sein?

AW: Ja. Ich bin sehr bezogen auf den Vater und etwas zu Rita.

L: Gehörst du vielleicht zum Vater?

AW: Nein! Ich fühle mich sehr weiblich.

L (zu Rita selbst): Stell doch noch deine Mutter mit auf!

Sie tut es (M=Mutter).

Rita 2

Die abgespaltene Wut stellt sich neben die Mutter. Beide wenden sich dem Vater zu und auch der Vater wendet sich ihnen zu.

L (zur M): Wie geht es dir, wenn die abgespaltene Wut so nah bei dir ist?

M: Egal. Ich fühle nichts.

Sie ballt dabei beide Fäuste.

L: OK. Spür mal in deine beiden Hände. Kannst du sie spüren?

M: Ja. Sie sind ja zu Fäusten geballt?!

L: Genau. Dreh dich mal zur abgespaltenen Wut und sag ihr: ‚Du hast nichts mit mir zu tun!‘

Sie sagt es.

M: Mmmh … Es stimmt nicht.

L: Was meint die angespaltene Wut dazu?

AW: Ich … fühle mich … ihr verbunden … Ja, ich glaube, ich gehöre zu ihr!

L (zur M): OK, wende dich jetzt mal deinem Mann zu und sage ihm: ‚Ich bin stink-wütend auf dich!‘ und halte dabei die Hand der Wut.

Sie atmet ein Mal tief und schreit es dann. Dann lässt sie sichtlich irritiert die Hand der Wut los.

L (zur M): Was ist jetzt bei dir?

M: Jetzt fühle ich wieder nichts.

Trotz mehrmaliger Bemühungen kann die Mutter die abgespaltene Wut nicht annehmen.

Auch der Appell an ihr Mutterherz, dass ihre Tochter wegen der abgespaltenen Wut leidet, führt nicht dazu, dass die Mutter ihre Wut zu sich nahm.

Ich entlasse jetzt alle Stellvertreter bis auf die Mutter und hole Rita selbst in die Aufstellung.

Wir führen ein Rückgaberitual durch, wobei die abgespaltene Wut mit einem großen, dunklen Kissen symbolisiert wird.

Da die Mutter auch hier das Kissen nicht annehmen will, legt es Rita ihrer Mutter vor die Füße und zieht sich zurück.

Ich lasse sie noch einen lösenden Abgrenzungssatz sprechen, sodass die abgespaltene Wut der Mutter nicht durch einen loyalen Kanal zur Mutter wieder zu Rita zurückkommt.

Dann beenden wir die Aufstellung.

Worauf die Mutter gegenüber dem Vater wütend war, wusste Rita nicht.

Wichtig war hier, dass wir da auch nicht nachbohrten, denn dann würde sich Rita in die Beziehung der Eltern verstärkt einmischen.

Für sie reichte es schon, dieses Fremdgefühl der abgespaltenen Wut abgeben zu können.

Tatsächlich ließ das Gefühl der inneren Zerrissenheit merklich nach.

Als Kind ist man loyal zu beiden Eltern. Die abgespaltene Wut, die im Untergrund von Rita gegen ihren Vater wirkte, vergiftete ihre Beziehung zu ihrem Vater und löste einen unbewussten Loyalitätskonflikt aus.

In dieser Aufstellung zeigte sich eine besondere Form der einfachen Verschiebung.

Dazu am besten ein Beispiel:

Wenn die Mutter auf den Vater böse ist und Rita als Tochter das aufnimmt und auch böse auf ihren Vater ist, ist das eine einfache Verschiebung.

Es gibt auch die doppelte Verschiebung:

Wenn die Mutter auf den Vater böse ist und Rita nicht auf den Vater, sondern z. B. auf ihren Freund böse ist, dann ist das eine doppelte Verschiebung.

In dieser Aufstellung war das Problem, dass die Wut abgespalten und auch Rita nicht bewusst war, obwohl sie an körperlichen Reaktionen zu beobachten war.

 

Fazit:

Diese Aufstellung war ein Beispiel für abgespaltene Gefühle (höchstwahrscheinlich) ohne traumatischen Hintergrund.

Die abgespaltene Wut wurde von der Tochter übernommen und ihrerseits verdrängt.

Die innere Zerrissenheit Ritas war durch den Loyalitätskonflikt gegenüber ihrem Vater erklärbar, der dadurch entstand, dass sie ihn nicht als Vater lieben konnte (wie es ein Kind tun würde), sondern auf ihn unbewusst wütend war.

Abspaltungen führen in Aufstellungen oft zu Verwirrungen und Irritationen und machen sie komplex.

In der mehrgenerationalen Aufstellung nach Prof. Dr. Franz Ruppert kann es vorkommen, dass mehrere Familienmitglieder mit ihren abgespaltenen Teilen in der Aufstellung stehen und sowohl Personen als auch abgespaltene Teile miteinander interagieren.

Aber nur, weil es komplex und verwirrend ist, heißt das noch lange nicht, dass es nicht lösbar wäre …

2 Antworten : Wie Abspaltungen dich verwirren können”

  1. Karolin sagt:

    Hallo, das ist ja eine spannende Geschichte mit den abgespaltenen Teilen. Toll

    • OCABM sagt:

      Ergänzed erwähnt zur Mutter und ihrem Verhalten könnte es auch sein, dass es auch nicht ihre abgespaltene Wut sein müsste, sondern die einer Vorfahrin usw. Um nicht zu tief in die Generationen gehen zu müssen, habe ich mich in dieser Aufstellung für eine Abgrenzung von Rita entschieden.
      Natürlich sind immer auch andere Lösungen denkbar.

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