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Warum Todessehnsucht nicht mit dir selbst zusammenhängen muss

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© Mangojuicy - Fotolia.com

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„Ich glaube, ich habe schon immer irgendwie den Wunsch gehabt zu sterben. Seit der Pubertät ist es dann ganz stark geworden und ich wurde ein Gothic Girl.“, erzählt Ella im Vorgespräch.

Sie ist wegen einer großen Todessehnsucht hier beim Familienstellen.

Ihrer Meinung nach ist niemand Besonderes, den sie kannte, in ihrem Familiensystem gestorben. Keine Abtreibungen, keine Totgeburten oder verstorbenen Geschwister.

Aber sie hatte schon drei schwere Unfälle und eine gefährliche Hirnhautentzündung.

„Ich will eigentlich leben, und dass das mit den Unfällen etc. aufhört“, beharrt sie mit fester Stimme.

„Gut, wir schauen uns das mal in der Aufstellung an …“

„Wähle Stellvertreter für dich, deine Mutter und deinen Vater und stelle sie auf!“

Es ergab sich folgendes Anfangsbild:

Ella 1

Abbildung 1: Anfangsbild V=Vater, M=Mutter, E=Ella

L=Aufstellungsleiter

Ella steht ihrer Mutter gegenüber, der Vater schaut auf die Mutter, während diese fast durch Ella hindurchschaut.

Alles dreht sich hier bei dieser Dynamik um die Mutter.

L (zu E): Wie fühlst du dich?

E: Ich fühle mich angespannt und habe Sehnsucht nach meiner Mama.

L (zur M): Wie geht es dir?

M: Mmmh … Ich weiß nicht so recht. Eigentlich gut, aber meine Tochter stört mich so vor mir – so als nähme sie mir was weg.

L: Wie geht es dem Vater?

V: Auch leicht angespannt. Ich achte auf die Mutter und was sie treibt.

L: Wie geht es dir mit deiner Tochter?

V: Gut. Ich freue mich, sie zu sehen.

L (zu E): Geh mal auf die Seite Richtung Vater, damit deine Mutter sich nicht mehr gestört fühlt.

Ella geht auf die Seite und die Mutter bewegt sich ein paar Schritte nach vorn und scheint nach etwas oder jemandem Ausschau zu halten.

L (zur Klientin Ella): Bitte stelle mal hypothetisch jemanden außerhalb des Stuhlkreises da hin, wohin deine Mutter schaut.

Ella 2

Abbildung 2: Zwischenbild

L (zur Klientin Ella): Hat deine Mutter jemanden – evtl. früh – verloren, einen Bruder, eine Schwester oder sonst jemanden, der ihr sehr nahe stand?

Ella überlegt. Ich glaube nicht. Aber es gab da ihren ersten Freund. Der war Matrose und ist auf dem Meer verschollen.

Die Mutter seufzt und auch der hypothetische Tote atmet hörbar aus.

L (zu T): Wie geht es dir mit der Mutter? Kennst du sie?

T: Ich habe einen starken Druck auf der Brust und bin traurig, wenn ich sie anschaue.

L (zur M): Wie geht es dir mit dem Toten?

M: Es ist so schwer. Ich mache gerade zu und will nichts mehr fühlen.

Wir probieren einige Zeit, die Mutter zum Fühlen ihrer unterdrückten Trauer zu führen. Doch diese verschließt sich.

L (zur M): Sieh mal deine Tochter an. Sie hat große Todessehnsucht und hatte schon mehrere schwere Unfälle und Krankheiten. Du könntest ihr helfen, wenn du bereit bist, hier gegenüber dem Toten den Schmerz zu fühlen.

M: Nein, ich kann nicht …

Es kommt nicht zum Fließen der Trauer bei der Mutter, sodass Ella nichts anderes übrig bleibt, als sich von ihrer Mutter abzugrenzen, um nicht in ihren Todessog zu geraten.

L (zur M): Hast du eine Sehnsucht zu sterben oder zu dem Toten zu gehen?

M (zögerlich): Ja … ich glaube schon …

Ella kommt jetzt selbst hinein in die Aufstellung, weil die folgenden Schritte sehr wichtig für sie sind und sie sie am Besten selbst macht.

L (zu E): Sag deiner Mutter mal: ‚Mama, ich achte deinen Wunsch zu sterben.‘

Sie sagt es unter Tränen. Die Mutter bleibt reglos.

L (zu E): Sag ihr: ‚Obwohl es mir sehr, sehr schwer fällt, lasse ich dich ziehen und gehe zu Papa.‘

Ella schluchzt auf und sagt es weinend. Wieder ist die Mutter wie apathisch reaktionslos.

L (zu E): Geh rüber zu deinem Vater und stell dich vor ihn. Das ist hier dein sicherer Platz.

Ella 3

Abbildung 3: Schlussbild

L (zu E): Spür mal rein, wie du so da stehst mit deinem Vater im Rücken.

E: Ich bin traurig wegen Mama, aber es fühlt sich gut an, Papa im Rücken zu haben.

Sie bleibt noch einige Zeit so stehen und dann beenden wir die Aufstellung.

 

Es ist hier nicht wichtig, ob der Tote tatsächlich der frühere Freund der Mutter war, der auf See verschollen ist. Wichtig ist, dass es die Mutter massiv ins Reich der Toten zieht und Ella sich dazwischengestellt hatte, um die Mutter davon abzuhalten.

Die Mutter wollte dem Toten nachfolgen. Die Tochter übernahm das und wollte stellvertretend für ihre Mutter in den Tod gehen.

Dieses Phänomen nennt man in Aufstellerkreisen ‚stellvertretende Nachfolge‘.

Hierbei muss noch erwähnt werden, dass das Kind das für die Mutter aus Liebe macht. Die Liebe zur Mutter ist so groß, dass das Kind sich opfert.

Eine einfache Nachfolge würde bestehen, wenn es die Mutter direkt aus dem System in den Tod ziehen würde und Ella sich nicht dazwischengestellt hätte.

Überwiegend sind von dieser Dynamik Kinder betroffen, die sich für ein Elternteil opfern; aber in selteneren Fällen können auch Partner, Geschwister oder Großeltern eine Rolle spielen.

 

Wie erkennst du eine stellvertretende Nachfolge?

Es gibt einige Hinweise, die auf eine Nachfolge oder stellvertretende Nachfolge hinweisen können:

  • Vermehrte (schwere) Unfälle
  • Häufige Krankheiten, mitunter schwere
  • Riskantes Verhalten in Sport, Verkehr, Arbeit und Freizeit u. a.
  • Selbstmordversuche
  • Schwere Süchte (harte Drogen, starker Alkoholismus, Magersucht etc.)
  • Das Leben auf Sparflamme leben
  • Depressionen
  • Beziehungsunfähigkeit oder –schwierigkeiten
  • u.a.

Für Ella war es schwer, ihre Mutter ziehen zu lassen. Das heißt jetzt nicht, dass die Mutter sich gleich umbringt und wir nichts tun können. Nur muss zur Lösung die Mutter selbst in eine Aufstellung kommen. Ella hat sich aus dem Todesbann ihrer Mutter gelöst.

Im Bannkreis ihres Vaters ist sie sicher.

Als ich mit Ella nach einiger Zeit E-Mail-Kontakt hatte, ging es ihr viel besser. Sie hatte keine Todessehnsucht mehr.

Endlich kann sie befreit das Leben mit neuen Augen anschauen und sehen, welche Möglichkeiten es bietet.

Es dauert meist einige Zeit, bis man sich daran gewöhnt hat, nicht mehr in den Tod gezogen zu werden. Dafür hat die Dynamik der stellvertretenden Nachfolge zu lange angedauert – manchmal Jahrzehnte.

Umso schöner ist es dann, befreit die erste Frühlingssonne zu genießen und sich seines Lebens unbeschwert zu erfreuen.

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