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Pränatales Trauma – Wie Erfahrungen im Mutterleib dein Leben beeinflussen

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© JPchret - Fotolia.com

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Erna berichtet von einer Geschichte, die ihr sowohl ihre Mutter als auch ihr Vetter Karl unabhängig voneinander erzählt haben.

Ernas Mutter war mit ihr im achten Monat schwanger und hatte mittlerweile einen beträchtlichen Bauchumfang. Sie wohnte noch bei ihrer Mutter, weil sie mit 17 schwanger geworden war und der Vater, ein reisender Schausteller, nicht zu seiner Vaterschaft stehen wollte und abgehauen war. Ernas Mutter war noch in der Ausbildung und so musste sie notgedrungen bei ihrer Mutter, Ernas Großmutter, wohnen. Diese hatte sich von ihrem Mann getrennt. Damals waren Scheidungen ungleich schwieriger und so war sie auf dem Papier immer noch mit Ernas Großvater verheiratet.

Es war der Geburtstag der Großmutter, als Ernas Mutter die Tür öffnete mit ihrem Neffen Karl im Schlepptau. Vor dieser stand der Großvater mit einem großen Strauß Weidenkätzchen. Er war seit Monaten nicht mehr zu Besuch gewesen. Ernas Mutter hatte auch kein gutes Verhältnis zu ihm. Als der Großvater sah, dass Ernas Mutter hochschwanger war, geriet er in eine bodenlose Wut.

Er schlug mit dem Strauß Weidenkätzchen unter Beleidigungen wie „Hure“, „Schlampe“ und „Nutte“ auf Ernas Mutter ein, die mit der einen Hand ihr Gesicht, mit der anderen ihren Bauch schützte. Der kleine Karl rief unterdessen laut um Hilfe und irgendwann erschienen Nachbarn, die den Großvater in die Flucht schlugen. Zu dieser Zeit passierte dem Großvater von Gesetzeswegen gar nichts.

© 1dbrf10 - Fotolia.com

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Erna möchte jetzt dieses konkrete Ereignis aufstellen, weil sie darin die Ursache für ihre Traumasymptome sieht, die immer dann auftreten, wenn es laut und beleidigend in ihren Beziehungen wird.

Es ist eine sehr starke Energie im Aufstellungsraum zu spüren. Ich lasse Kissen und Decken bereitlegen, falls es zu einer Traumaentladung kommt.

In einer vorangegangenen Aufstellung haben wir zwei Ressourcen für diese Aufstellung herausgefunden: Erzengel Gabriel und ihr Krafttier, der Marder. Sie hatten sich als stabil und verlässlich herausgestellt – und das ist das Einzige, was zählt, egal ob wir an Engel und Krafttiere glauben oder nicht.

Erna wählt also Stellvertreter für sich (E), ihre Mutter (M), ihren Großvater (GV), ihren Vetter Karl (K), Erzengel Gabriel (EG), das Krafttier Marder (KM).

Den Großvater lassen wir zunächst noch draußen.

Erna 1

Abbildung 1: Anfangsbild

Ernas Stellvertreterin sitzt vor ihrer Mutter, rechts neben sich Erzengel Gabriel , links ihr Krafttier. Ihr Vetter Karl ist rechtsaußen. Alle schauen in eine Richtung. Die Atmosphäre ist gespannt.

L=Leiter der Aufstellung, andere Abkürzungen wie oben.

L (zu Erna): Stell dir mal vor, dass wir gleich den Großvater dazustellen – wie fühlt sich diese Vorstellung an?

E: Irgendwie bedrohlich – ich weiß aber nicht, ob es an meinem Wissen um die Situation liegt oder es gerade präsent ist.

L: OK. Schließe mal kurz die Augen. Wo in deinem Körper kannst du das Bedrohliche spüren?

E (schließt die Augen und atmet langsamer): Es ist an der rechten Schulter und am Oberarm …

L: Gibt es eine Stelle in deinem Körper, wo es sich gerade gut anfühlt?

E: Mmh … meine Stirn vielleicht …

L: Gut. Spüre mal abwechselnd in deine rechte Seite und deine Stirn. Kannst du beide Gefühle gut trennen?

E: Ja.

L: Kannst du Erzengel Gabriel und dein Krafttier wahrnehmen?

E: Ja, es erleichtert mich.

L: Gut. (Zur Klientin Erna): Führe jetzt den Großvater vorsichtig herein.

Erna selbst führt den Großvater rein. Nach zwei Schritten lässt sie seine Schultern los, an denen sie ihn geführt hatte, als ob sie sich verbrannt hätte und weicht zurück.

Auch die Stellvertreterin Erna reagiert und stößt einen kurzen Schrei aus.

Ich drehe den Großvater um, sodass er mit dem Rücken zu Ernas Stellvertreterin und ihrer Mutter steht.

Dann geleite ich Erna selbst zu ihrem Platz und vergewissere mich, dass sie weitermachen möchte.

Eine Aufstellungskollegin setzt sich zu ihr, sodass ich weiter die Aufstellung leiten kann.

Erna 2

Abbildung 2: Zwischenbild mit Großvater

L (zu E): Kannst du es aushalten, dass der Großvater jetzt da ist?

E: Schwer, aber die beiden Ressourcen geben mir Kraft.

L: Was ist bei der Mutter?

M: Angst und Wut. Ich bin froh, dass ich nur seinen Rücken sehe.

L: Was ist beim Großvater?

GV: Wut und Verachtung. Ich fühle mich auch ausgeschlossen hier …

L: Wem gilt die Wut und Verachtung?

GV: Meiner Tochter!

L: Was ist mit dem Kind, der kleinen Erna?

GV: Ist mir egal. Damit will mich meine Tochter nur reizen.

L: Was macht das mit dir, Erna, wenn du hörst, dass es hier gar nicht um dich geht?

E: Mmh … ich fühle mich so verbunden mit meiner Mutter, dass es auch gegen mich geht.

L (zur Klientin Erna): Was macht das mit dir, Erna, wenn du hörst, dass es hier gar nicht um dich geht?

E (Klientin): Es verwirrt mich. Ich dachte, ich sei schuld …

L: Behalte deine Aussage im Hinterkopf. Ich werde es später nochmals ansprechen.

E (Klientin): OK.

L (zum GV): Beleidige jetzt mal die Mutter mit deinen Worten so ähnlich, wie es Erna im Vorgespräch beschrieben hat.

Der Großvater tut es und die Mutter sinkt auf die Knie wie unter Schlägen. Erna klammert sich ängstlich an ihre Mutter und beginnt zu zittern.

L (zum GV): Stopp mal!

L: Karl, rufe jetzt mal die Nachbarn.

K: Hilfe, helft uns!

Ich stelle symbolisch einen Nachbarn hinzu. Zur Unterstützung der Mutter kommt noch eine ‚Gute Kraft‘ in die Aufstellung.

Erna 3

Abbildung 3: N=Nachbar, GK=Gute Kraft (Ressource für Mutter)

L (zum GV): Dreh dich jetzt langsam um. Ganz langsam. Wenn ich stopp sage, nicht weiterdrehen.

Er macht es. Ich beobachte Ernas Stellvertreterin und die Mutter. Schließlich steht er von Angesicht zu Angesicht im vorherigen Abstand zu Erna und ihrer Mutter. Beide zittern leicht.

L (zur Mutter): Tausche mal mit Erna den Platz und gehe vor sie. Lass dir dabei Zeit und achte auf körperlichen Kontakt zur ‚Guten Kraft‘.

Sie macht es.

Erna 4

Abbildung 4: Endbild

L (zur Klientin Erna): Komme jetzt selbst in die Aufstellung, wenn du dir das zutraust. Es ist kein Problem, wenn du das nicht machen willst.

E (Klientin): Ja, ich will es.

Sie kommt nun selbst in die Aufstellung und schaut vorsichtig über die Schulter ihrer Mutter zum Großvater.

L (zu E): Fühl dich mal ein. Wir tauschen jetzt nochmals ganz kurz die Plätze von deiner Mutter und dir. Geh sofort zurück, aber spüre vorn hinein, was du wahrnehmen kannst.

Erna nimmt ihre Ressourcen mit nach vorn und steht zwischen Mutter und Großvater. Nach zwei Minuten wechselt sie wieder hinter die Mutter.

L (zu E): Was hast du wahrgenommen?

E: Ich habe sehr viel Wut vom Großvater, aber auch von meiner Mutter gespürt. Es war kaum auszuhalten.

L: Wenn du jetzt hier wieder hinter deiner Mutter stehst, was fühlst du hier?

E: Schon noch Wut von beiden, aber viel schwächer. Es betrifft mich weniger.

L: Genau. Sag mal zu deiner Mutter und deinem Großvater: ‚Mit eurem Streit habe ich nichts zu tun. Das geht nur euch beide Erwachsene etwas an.‘

Sie sagt es. Beide Angesprochenen nicken.

L: Konntest du das sehen? Es hat nichts mit dir zu tun.

E: Ja, aber …

L: Lass mal das ‚aber‘ weg und mache einen Punkt, besser ein Ausrufezeichen.

E: Ok. Ja! Es hat nichts mit mir zu tun.

L: Du hast keine Schuld. Kannst du das sagen?

E: Ich habe hierbei keine Schuld.

L: Gut. Lass das mal wirken.

Erna atmet tief. Langsam entspannt sich ihr Gesicht.

L: Ja genau, das ist ein Shift, ein Aha-Erlebnis. Lass das mal ganz in dich einsickern. Ich würde es hier stehen lassen.

Wir beenden die Aufstellung.

 

Obwohl es hier nicht zu einer Traumaentladung (mit Zittern, Weinen, Schreien etc.) gekommen ist, wurde hier ein wichtiger Schritt zur Traumalösung getan. Das konnte man an der Entspannung des Gesichts sehen. Das Trauma war gekoppelt mit einem starken Schuldgefühl. Dieses konnten wir in dieser Aufstellung entkoppeln und auflösen. Das Trauma selbst liegt jetzt – im übertragenen Sinn gesprochen – frei und kann sich auflösen.

Trauma ist auch fast immer im Körper gespeichert, gerade bei Gewalt. Deshalb ist es empfehlenswert, jetzt körpertherapeutische Maßnahmen zu beginnen (Cranio-Sakral-Therapie, Massagen, Handauflegen, Theta-Healing usw.). Damit wird die im Körper durch das Trauma eingefrorene Energie abgeleitet.

Das war zuvor schwer möglich, weil das starke Schuldgefühl diese Arbeit behindert (wenn nicht sogar sabotiert) hätte, i.S.v. ich habe es verdient zu leiden, weil ich schuld bin etc.

Der Shift ist in Aufstellungen ein wichtiges Merkmal, an dem man erkennt, dass eine Blockade überwunden wurde. Meist geht eine Entspannung oder Erleichterung damit einher. Vieles wird klarer, leichter und ergibt auf einmal Sinn. Im Zusammenhang mit Traumata ist der Shift ein wichtiger Meilenstein, um an das Trauma wirklich heranzukommen.

In der Traumaarbeit, wie ich sie durchführe – ich nenne sie die GLAS-Methode (Geduld, Liebe, Achtsamkeit und Sanftmut) – kommt der Shift meist an dritter oder vierter Stelle:

  1. Ressourcenaufbau
  2. Erste Traumaannäherung
  3. Shift und/oder Entladung
  4. Einordnung, Nachsorge
  5. Optional: Körpertherapeutische Maßnahmen bei Kollegen/Spezialisten
© Sebastian Kaulitzki

© Sebastian Kaulitzki

Traumatisierte Menschen – gerade wenn sie Traumata im Mutterleib erfahren haben – haben oft eine lange Leidensgeschichte hinter sich, wobei sie sich selbst nicht verstanden haben, an sich selbst gezweifelt haben und in ihrem Umfeld auf Unverständnis und Ablehnung gestoßen sind.

Der Shift und die damit einhergehende Erkenntnis versöhnen diese Menschen wieder mit sich und stärken sie für die letzten Schritte, die es braucht, das Trauma zu überschreiben und neue Erfahrungen zu machen.

Erna ist mittlerweile auf einem guten Weg. Für sie hat sich die Cranio-Sakral-Therapie als beste Methode für die Ausleitung der gestauten Traumaenergien herausgestellt. Endlich kann sie das Leben mit anderen Augen sehen:

Vom Überleben zum Leben

– und immer öfter gelingt ihr es, ganze Tage am Stück zu genießen – ganz ohne schlechtes Gewissen.

 

Dieser Fall ist aus meinem Buch „Familienstellen und Trauma“ entnommen.

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