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Was bedeutet es, wenn Kinder stottern?

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© lassedesignen - Fotolia.com

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Hannah stellt für ihren Sohn Benedict auf, der immer stärker stottert.

Angefangen hatte es im Alter von 4 Jahren mit leichten Stolperern in Sätzen, mittlerweile – mit 6,5 Jahren – bekommt er fast keinen Satz mehr ohne zu stottern hin.

Hannah ist verzweifelt, denn ihr Sohn kommt in 3 Monaten in die Schule und sie befürchtet, dass Benedict dort gehänselt und ausgelacht wird.

„Die Schule soll für Benedict eine schöne Erfahrung sein und kein Martyrium“, sagt sie unter Tränen.

„Gut, wir schauen es uns mal genauer an …!“, tröste ich sie.

Bevor ich weiter auf die Aufstellung von Hannah für Benedict eingehe, möchte ich noch kurz die Sicht des Familienstellens auf das Stottern bei Kindern und Erwachsenen erläutern.

Die Sicht des Familienstellens auf das Stottern

Es werden 4 wichtige Hintergründe für Stottern (egal ob psychisch oder körperlich) unterschieden:

  1. Konfliktsituation

Es gibt einen ungelösten Konflikt von anderen im Familiensystem, oft eine Täter-Opfer-Konstellation, die beim Stotternden ‚gelandet‘ ist.

Tragischerweise sind das meiner Einschätzung nach ca. 75% der Fälle.

  1. Angst/Furcht vor einer bestimmten Person im Umfeld des Stotternden

In der Aufstellung kann sich das neben dem Angstgefühl dadurch zeigen, dass der Stotternde (der Klient selbst) direkt vor dem Stottern kurz zur Seite schaut. Er schaut dann auf ein inneres Bild dieser Person, die ihm aber meist unbewusst ist. Dann gilt es, in der Aufstellung diese Person zu finden und den Grund herauszufinden, warum diese Furcht besteht.

Dies macht ca. 10% der Fälle aus.

  1. Trauma

Ein psychisches oder physisches Trauma kann ebenfalls Stottern auslösen. Die Übergänge zu Punkt 2 sind hier fließend, je nach Stärke der Furcht, wenn eine andere Person der Auslöser ist.

5% der Fälle haben eine traumatische Erfahrung als Ursache.

  1. Familiengeheimnis

Wenn das Stottern mit einem Familiengeheimnis verbunden ist, hindert das Familiengewissen den Stotternden daran, ‚auszupacken‘, wobei er nicht selbst Wissensträger sein muss, sondern selbst nur ein ‚blind‘ ausgedeuteter Stellvertreter ist.

Auch hier sind es ca. 5% der Fälle.

  1. Identifikation

Die letzte, wichtige Möglichkeit ist die Identifikation mit einer Person im Familiensystem. Das kommt oft dann zum Tragen, wenn bei der ursprünglichen Person, z. B. Onkel Robert, der Hintergrund dessen Stotterns nicht bearbeitet wurde und er zum Beispiel aus der Familie ausgegrenzt oder übervorteilt wurde.

Wiederum ca. 5% der Fälle sind hier gelagert.

 

Allgemeine Fakten zum Stottern

©„Isad ribbon“ von ISA (public) - BSA. Lizenziert unter CC BY 3.0 über Wikimedia Commons

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Vor der Pubertät sind Jungen im Verhältnis 2:1 stärker von Stottern betroffen als die Mädchen.

Danach sogar zwischen 4 bis 5:1.

Wird das Stottern, z. B. logopädisch, vor der Pubertät behandelt, besteht eine gute Heilungschance, danach gilt eine Heilung als unwahrscheinlich bis unmöglich [siehe Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Stottern ].

Am 22.10. ist Welttag des Stotterns, der Aufmerksamkeit und Verständnis für das Thema Stottern fördern soll.

WICHTIG: Meine Empfehlung

Das Familienstellen allein kann viel bewirken und lösen.

In Anbetracht des Zeitfensters der guten Heilungschance vor der Pubertät empfehle ich jedoch dringend zusätzlich eine logopädische Behandlung.

© Dan Race - Fotolia.com

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Durch die Kombination beider Methoden – dem Familienstellen für die Ursache und der logopädischen Behandlung zum entspannten Umgang mit Sprechsituationen – wird dem betroffenen Kind am besten geholfen.

Denn meist haben sich schon sekundäre Folgen ergeben durch das Hänseln von anderen Kindern und die Ungeduld von Gesprächspartnern.

Diese Folgen – u.a. Vermeidung von Sprechsituationen und Fluchtreaktionen – können sich schon stark in dem betroffenen Kind verfestigt haben.

 

Die Aufstellung von Hannah für Benedict

Hannah ist seit 5 Jahren von ihrem Partner getrennt, wobei sie verlassen wurde.

Zum Zeitpunkt der Trennung war Benedict gerade etwas über 1 Jahr alt gewesen.

In der ersten Zeit hat der Vater von Benedict sich nur selten blicken lassen.

Erst mit 3 Jahren konnte er ab und zu beim Vater übernachten, der mittlerweile wieder eine neue Partnerin hat.

Auch der Unterhalt für Benedict ist noch nicht abschließend geklärt, sodass es immer wieder Briefwechsel zwischen Jugendamt, Anwälten und den beiden Eltern gibt.

Hannah wählt Stellvertreter für sich (M=Mutter), ihren Expartner (V=Vater) und Benedict (K=Kind) aus. Beim Aufstellen denkt sie innerlich konzentriert an das Thema ‚Stottern von Benedict‘. Somit ist es in der Aufstellung verankert.

Sie stellt folgendermaßen auf:

Hannah 1

Anfangsbild

Benedict steht hier mitten zwischen den beiden Elternteilen.

Das ist eine sehr ungesunde Position und seine ‚Pufferfunktion‘ bringt ihn in einen permanenten Loyalitätskonflikt, denn die kindliche Liebe gilt immer beiden Elternteilen.

L=Aufstellungsleiter

L (zu K): Benedict, wie fühlst du dich hier an dieser Position?

K: Instabil. Es ist anstrengend, hier zu stehen.

L (zu K): Schau mal zu deinen Eltern.

Benedict tut es.

K: Ich fühle mich hin- und hergerissen.

L (zu M): Hannah, was macht das mit dir, wenn du hörst, wie es Benedict geht?

M: Es macht mich betroffen. Ich möchte ihm helfen.

L (zu V): Was macht das mit dir, wenn du hörst, wie es Benedict geht?

V: Ich bin besorgt.

L (zu K): OK, Benedict gehe mal ein paar Schritte zurück.

Ich nehme jetzt Benedict aus der ‚Schusslinie‘. Zuvor habe ich mich mit den zuvor gestellten Fragen vergewissert, dass beide Eltern ein wirkliches Interesse haben, ihrem Sohn zu helfen.

Hannah 2

Zwischenbild 1

L (zu K): Wie geht es dir jetzt an dieser Position?

K: Besser. Es ist alles nicht mehr so anstrengend.

Jetzt bitte ich Hannah, einen Stellvertreter für das Stottern (S) auszuwählen. Sie nimmt einen jungen Mann und führt ihn in die Aufstellung.

Hannah 3

Zwischenbild 2

Hannah führt das Stottern fast genau an dieselbe Stelle, wo zuvor Benedict gestanden hat. Das Stottern schaut Benedict direkt an.

Mit mehreren Fragen schließe ich nacheinander aus, dass es nicht um Trauma, Furcht vor einer Person, Identifikation und Familiengeheimnis geht.

Es geht um also um einen ungelösten Konflikt – und zwar zwischen den Eltern.

Ich lasse den Stellvertretern Raum, ihren inneren Bewegungsimpulsen zu folgen.

Die Eltern bewegen sich beide nicht, während Benedict noch einen Schritt zurückgeht. Das Stottern stellt sich schließlich vor Benedict, so als wolle es ihn schützen.

Hannah 4

Endbild

Ich versuche, eine Begegnung zwischen den Eltern herzustellen.

Beide haben jedoch wenig Lust dazu. Auch will Hannah nicht selbst in die Aufstellung hineinkommen.

Ich beende die Aufstellung.

L (zu Hannah=Klientin=H): Wie geht es dir mit der Aufstellung und dem, was sich hier gezeigt hat?

H: Ich bin enttäuscht. Ich dachte, wir lösen hier das Stottern auf.

L: Hast du verstanden, dass das Stottern – so wie es sich hier in der Aufstellung gezeigt hat – an dem Konflikt zwischen deinem Expartner und dir liegt?

H: Ja … schon, aber … da geht nichts mit ihm …

L: Bist du dir da sicher?

H: Ja. Allein der Streit um den Unterhalt hat ja gezeigt, dass es ihn nicht interessiert …

L: Ist dir aufgefallen, dass ihr euch beide nicht bewegt habt?

H: Ja …

L: Ich würde dir empfehlen, diese Aufstellung erst einmal ‚sacken‘ zu lassen. Es wäre vielleicht gut, deinem Expartner auf neutrale Art zu berichten, was hier in der Aufstellung passiert ist. Vielleicht bewegt sich ja doch noch was …

H: Mmmh … OK.

 

Glücklicherweise haben sich die beiden Elternteile nach einiger Zeit doch noch zum Wohle von Benedict zusammenraufen können.

Unterstützend bekam er noch eine nette Logopädin an die Seite.

Benedict stottert heute, im Alter von 8 Jahren, nicht mehr.

 

Fazit:

Manchmal kann es unangenehm für einen selber sein, was in einer Aufstellung herauskommt.

Kinder sind meist nur Symptomträger für etwas, was woanders im Familiensystem im Argen liegt.

Zumeist direkt bei den Eltern und ihren ungelösten Konflikten.

© Dan Race - Fotolia.com

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Stottern hat hier oft seine Ursache.

Ich rate dazu, beim Stottern so schnell wie möglich zu handeln, wenn es sich länger als 6 Monate verfestigt hat.

Wichtig ist es auch, im Familienalltag mit dem betroffenen Kind nicht ungeduldig zu sein und es wenig oder gar nicht auf das Stottern anzusprechen, denn sonst kommen schnell sekundäre Folgen wie z. B. Vermeidung von Sprechsituationen hinzu.

Jede Hilfe ist jetzt wichtig und wertvoll: Familienstellen für die Ursache, logopädische Betreuung für die Abfederung von Auswirkungen.

Bei Erwachsenen kommt es übrigens immer wieder mal zu Spontanverbesserungen nach Aufstellungen, die dauerhaft bleiben.

Besser ist es jedoch, gleich vor der Pubertät anzusetzen und den Kindern sofort umfassend zu helfen.

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