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Wie Traumaaufstellung und Innere-Kind-Arbeit zusammenspielen können

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© Heiko Küverling - Fotolia.com

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Mazen ist ein schon lange in Deutschland lebender Palästinenser. Er und seine Familie mussten in Ende der 1970er Jahre aus einem palästinensischen Flüchtlingslager in Beirut (Libanon) fliehen, als mit den Israelis verbündete Milizen der christlichen Drusen ein Massaker anrichteten. Mazen musste damals buchstäblich über Leichen steigen, um zum rettenden Hafen zu kommen, von wo aus sie mit dem Schiff über Zypern nach Deutschland kamen.

Wir hatten zuvor bereits zwei Aufstellungen gemacht. In der einen fanden wir den islamischen Glauben als sehr starke und tragende Ressource heraus. In der anderen stellten wir fest, dass sich damals ein Teil von Mazen abgespalten hat, um wie ein neutraler Beobachter es dem kleinen, damals fünfjährigen Jungen zu ermöglichen, den Anblick der Grausamkeiten durchzustehen.

Ich hatte vor der Aufstellung mit Mazen vereinbart, dass wir in der Aufstellung symbolisch den Weg zum Hafen wiederholen mit den am Boden liegenden Leichen. Für den kindlichen, abgespaltenen Teil nahmen wir einen männlichen Stellvertreter, genauso einen männlichen Stellvertreter für den Islam. Ich hatte mich zuvor versichert, dass es von seinen Glaubensprinzipien her in Ordnung ist, den Islam durch einen Stellvertreter darzustellen.

Mazen selbst kommt als Erwachsener ebenfalls an die Seite seines Kind-Ichs. Ich hatte deshalb meinen Familienaufstellungskollegen Dirk gebeten, mit mir an dieser Aufstellung zusammenzuarbeiten (Dirk ist nicht in der Abbildung aufgeführt).

Das Anfangsbild sah folgendermaßen aus:

Mazen 1

Abbildung 1: Anfangsbild (MK = Mazen als Kind, ME = Mazen als Erwachsener = Mazen selbst, GL = Glaube (Islam), O1-5 = Oper 1-5, Decke symbolisch als HAFEN)

Gegenüber von Mazen und seinem Kind-Ich haben wir eine Decke auf dem Boden gelegt als Symbol für den rettenden Hafen. Dazwischen liegen wahllos fünf Opfer, über die Mazen vorsichtig steigen soll – zumindest über zwei.

L = Leiter der Aufstellung, andere Abkürzungen wie oben

L (zu MK): Wie fühlst du dich, kleiner Mazen?

MK: Zittrig, ich habe Angst.

L: Schau mal nach rechts. Neben dir ist dein erwachsenes Ich.

L (zu ME): Kannst du ihm versichern, dass du es damals bis zum Hafen geschafft hast?

ME (zu MK): Ich habe es damals bis in den Hafen geschafft. Ich bin jetzt bei dir.

L (zu ME): Wie geht es dir? Kannst du den Weg mit deinem Kind-Ich nochmals gehen?

ME: Ja, ich glaube schon.

L: Gut. Bevor ihr ganz langsam losgeht, spürt nochmals beide hinter euch zum Glauben. Nehmt die Kraft wahr, die von ihm ausgeht. Lass das ein paar Minuten auf euch wirken …

Der Stellvertreter des Glaubens fasst beide gleichzeitig an der Schulter. MK und ME schließen die Augen und warten.

© rgribote - Fotolia.com

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L: Geht jetzt los, ganz langsam und steigt über das erste Opfer. Dirk und ich haben euch im Blick, wenn es zu überwältigend wird. Achtet auf euch. Ein kleiner Schritt ist auch schon ein Erfolg heute.

ME und MK gehen Schritt für Schritt vor. Beide zittern, halten dann an und warten, bis sie weitergehen können. Der Glaube folgt ihnen direkt hinterher, sie dabei immer wieder kurz zu stützen, ohne sie anzuschieben.

Schließlich steigen beide über das erste Opfer.

L (zu MK): Ja, das war sehr gut. Bleibt bei euch. Wie geht es dir, kleiner Mazen?

MK: Ich halte es kaum aus. Am liebsten würde ich mich zu den Opfern legen.

L (zu ME): Wie geht es dir und was macht das mit dir, dass sich dein Kind-Ich am liebsten zu den Opfern legen möchte?

ME: Ich fühle mich sehr betroffen. Aber ich erinnere mich, dass ich das damals tatsächlich gedacht habe.

L (zu ME): Kannst du es aushalten, wenn sich dein Kind-Ich tatsächlich jetzt hier hinlegt?

ME: Puh, nur schwer. Es … (er schluchzt) … ja … bei Allah, es wäre die Wahrheit …

L (zu MK): Lege dich hier mal zwischen die Opfer.

Mazen 2Abbildung 2: Zwischenbild

MK legt sich zwischen die Opfer mit offenen Augen und schaut abwechselnd die in seinem Sichtfeld befindlichen an. ME kniet sich spontan zu ihm.

L: Erwachsener Mazen, das war damals der erste Impuls als Kind. Wie ist das für dich?

ME: Ganz schlimm, aber es fühlt sich auch wahr an. Es fühlt sich so an, als wäre ich tatsächlich immer noch hier zwischen den Toten … (er schlägt die Hände vors Gesicht und weint und spricht dabei Arabisch).

Der Glaube steht aufrecht direkt hinter dem Knieenden, der die rechte Hand von MK ergreift.

Wir lassen dem ganzen Raum für ein paar Minuten.

L (zu ME): Frage dein Kind-Ich, ob es zum Hafen will, wo deine Eltern und Geschwister auf euch warten.

ME (zu MK): Kommst du mit mir zu Mama und Vater und den anderen?

MK (überlegt): Lass mich nicht allein hier!

ME: Nein. Dann bleibe ich bei Dir.

L (wartet kurz, dann zu ME): Jetzt wäre es gut, wenn du in deinem Erwachsenen-Ich bleibst und die Führung übernimmst. Zum Beispiel kannst du deinem Kind-Ich aufhelfen …

ME (stockt kurz): Ja … Es wirkt gerade so stark auf mich ein.

L: Spür mal hin zum Glauben. Tanke da etwas Kraft und Ruhe. Dann versuche etwas zu tun.

ME lehnt sich an den Glauben, schließt kurz die Augen und nimmt dann auch die linke Hand von MK, um ihm vorsichtig aufzuhelfen.

ME (zu MK): Komm, wir müssen zum Hafen jetzt.

Sie steigen zusammen vorsichtig über das nächste Opfer, wobei ME etwas mehr Haltung angenommen hat. Wieder folgt ihnen der Glaube.

In zwei vorsichtigen Schritten erreichen sie die Decke als Symbol für den rettenden Hafen.

Mazen 3Abbildung 3: Endbild

L: Fühlt beide mal den sicheren Boden unter euren Füßen. Ihr seid in Sicherheit … Ihr habt es geschafft … Ihr dürft euch auch setzen …

Sie setzen sich tatsächlich. Beide fangen an zu weinen und MK umfasst das Bein des Stellvertreters des Glaubens und klammert sich an ihm fest. ME streichelt vorsichtig die Schultern von MK.

Wir lassen ihnen einige Minuten bevor wir die Aufstellung beenden.

Mazen setzt sich neben mich auf den Stuhl.

L: Wie geht es dir jetzt?

ME: Ich fühle mich wie durch einen Schleudergang eines Waschprogramms gedrückt … Aber auch erleichtert.

L: Du hast etwas sehr Wichtiges getan hier eben. Ein Teil von dir ist damals bei den Toten im Lager zurückgeblieben. Den hast du jetzt mitgenommen.

ME: Ich kann es noch gar nicht fassen …

L: Lass das jetzt in deinem Tempo in dich einsickern. Lass es sich setzen. Wenn noch etwas ist, ruf mich bitte sofort an, dass wir das sofort einordnen können …

Bewertung

Es mag dich vielleicht befremden, dass ich den kindlichen Mazen ermuntert habe, sich tatsächlich neben die Toten zu legen.

Auch wenn es erschreckend ist: das war damals der tatsächliche Impuls.

Wenn wir den kleinen Mazen abholen wollen, müssen wir in auch dort abholen, wo er sich tatsächlich gefühlsmäßig aufhält.

Alles andere wäre nur ein Ausweichen vor den innerpsychischen Tatsachen.

Bei dieser Aufstellung haben wir Traumaarbeit mit innerer Kind-Arbeit gemischt. Das war nur möglich, weil mit dem Islam für Mazen eine sehr starke Ressource zur Verfügung stand.

Wenn sich bei einer Ressourcenaufstellung eine solche starke Ressource zeigt wie bei Mazen, kann man damit auch in tiefere Prozesse eindringen. Wir haben hier nicht nur das Trauma angeschaut und positiv überschrieben, sondern wir haben hier auch einen verlorenen Seelenanteil von Mazen finden können und es besteht eine gute Chance in wieder einzugliedern.

© Rıza - Fotolia.com

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Dieser Seelenanteil ist damals bei den Toten des Massakers geblieben. Wir wissen nicht, warum das geschah, aber so wie es sich hier in der Aufstellung gezeigt hat, ist nicht der ganze Mazen damals im Hafen angekommen. Insofern war es wichtig und richtig, diesen Weg aus dem Lager noch einmal nachzuzeichnen.

Dass sich ein Teil der Persönlichkeit bei einer traumatischen Erfahrung abspaltet, ist eine Möglichkeit auf ein Trauma zu reagieren (neben Schockstarre oder Panikattacken u.a.).

 

 

Wie kann ich nun erkennen, ob bei meiner traumatischen Erfahrung eine Abspaltung stattgefunden hat?

  1. Ein Indiz ist das (fast unbeteiligte) Beobachten von sich selbst, manchmal sogar aus einer Art Vogelperspektive.
  2. Nahestehende Menschen stellen eine (charakterliche) Persönlichkeitsveränderung nach dem Trauma fest.
  3. Ich habe die traumatische Erfahrung (fast) vergessen und bin überrascht, wenn mir jemand davon erzählt.

 

In Trauma-Aufstellungen sollte immer im Hinterkopf behalten werden, dass es Abspaltungen geben kann.

Mazens Schicksal bekommt durch die aktuellen Ereignisse in Syrien und im Irak neue Brisanz.

Viele der Flüchtlinge, die gerade in unser Land kommen, haben ähnliche Erfahrungen hinter sich wie Mazen – und einige nicht nur einmalige Erlebnisse …

Neben Schutz, Sicherheit, Essen und ein Dach über dem Kopf brauchen diese Flüchtlinge unbedingt auch psychische, therapeutische Betreuung.

Vielleicht ist es für eine Aufstellung noch zu früh, aber allgemeine Traumaarbeit, Ressourcenarbeit und andere Methoden der Stabilisierung tun ernsthaft Not.

Ich finde es sehr bedauerlich, dass es so wenig psychische Betreuung für die Flüchtlinge gibt.

„Die Zeit heilt alle Wunden!“ gilt leider bei Trauma nicht.

Traumata werden mit den Jahren immer stärker und fressen sich innerpsychisch in immer mehr Lebensbereiche hinein, sodass der Handlungsspielraum der Betroffenen immer kleiner wird.

Ich würde mir wünschen, dass viel mehr Therapeuten eine Traumazusatzausbildung machen.

Schon für einen Deutschen beträgt die Wartezeit auf einen von den Krankenkassen getragenen Traumatherapieplatz in einigen Gegenden bis zu einem Jahr – Flüchtlinge bekommen so gut wie keine Hilfe.

Es bleibt zu hoffen, dass die öffentlichen Krankenkassen sehr bald alternative Traumatherapien wie Somatic Experiencing, Neural Somatic Integration und EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing – wird gerade anerkannt) zulassen, um den Bedarf endlich zu decken.

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