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Wie Sekundärgefühle unsere Entwicklung behindern

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© Photographee.eu - Fotolia.com

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Obwohl Justine gerade ziemlich ärgerlich-wütend ist, wirken die Leute im Außenkreis seltsam unbeteiligt.

Petra unterdrückt ein Gähnen, Jürgen schaut abwesend aus dem Fenster.

Und auch auf mich wirkt Justines Gefühlsausbruch eher wie eine Theatervorstellung als ein ergreifendes Gefühl in einer Aufstellung.

Was ist hier los?

Justine, die kurz zuvor den Platz ihrer Stellvertreterin eingenommen hat, zeigt ein Sekundärgefühl (auch als Ersatzgefühl bezeichnet).

Mit einem Sekundärgefühl kann man aber in einer Aufstellung keine Lösung erreichen.

Ich unterbreche Justines Gefühlsausbruch und erkläre ihr den Unterschied zwischen Primär- und Sekundärgefühl.

Primär-, Sekundär-, Fremd- und Metagefühle sind die sogenannten Gefühlskategorien, die im Familienstellen beachtet werden.

Im heutigen Artikel gehe ich nur auf die beiden Erstgenannten ein, Fremd- und Metagefühle behandle ich in einem kommenden Artikel.

Dass z. B. Trauer nicht gleich Trauer ist, auch wenn sie in ihrer Intensität ähnlich stark zu sein scheint, hat für die Arbeit des Familienstellens (und für unser Alltagsleben) eine große Bedeutung.

Ist die Trauer direkt, rein und im Augenblick auf eine angemessene Trauersituation bezogen, so handelt es sich um ein Primärgefühl.

Ist die Trauer unspezifisch, manipulativ, theatralisch, eine Ersatzhandlung und im Kontext von Raum und Zeit ‚unangebracht‘, so handelt es sich höchstwahrscheinlich um ein Sekundärgefühl.

Wichtig für jeden von uns ist, dass wir uns nur auf der Basis von Primärgefühlen weiterentwickeln können.

Sekundärgefühle verfolgen latent oder offen immer das Ziel der Erhaltung des Status quo.

Sie sind oft Teil der emotionalen Schutzschicht des Menschen.

 

Anhand welcher Kriterien erkennst du Primärgefühle?

– Bei einem Primärgefühl ist die betroffene Person voll im Hier und Jetzt. Sie ist handlungsorientiert und aufmerksam.

– Die Dauer des Gefühls ist kurz und heftig. Es hat eine reinigende, heilsame Wirkung und endet von selbst.

– Personen im Außenkreis oder Stellvertreter sind berührt, fühlen sich demjenigen, der das Primärgefühl gezeigt hat, nahe und verbunden. Selbst heftige Reaktionen werden als positiv und vertrauensfördernd wahrgenommen.

– Der Gefühlsausdrückende fühlt sich danach authentisch und stimmig mit sich und der Situation.

 

Wie erkennst du Sekundärgefühle?

Es ist leider nicht so leicht, Sekundärgefühle zu erkennen.

© godfer - Fotolia.com

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Sie fühlen sich als Betroffener verdammt echt an und können eine stärkere Intensität haben als ein Primärgefühl – die Heftigkeit und Intensität/Stärke an sich sind also kein Kriterium, um Primär- und Sekundärgefühl unterscheiden zu können.

Darüber hinaus sind Sekundärgefühle im Kontext von Familie, Kultur oder sozialem Umfeld gefördert worden, während das Primärgefühl verdammt wurde.

Z. B. durfte ein Kind Wut nicht zeigen, sehr wohl aber Trauer. So kann es passiert sein, dass das Kind (und dann später der Erwachsene) Trauer oder Enttäuschung zeigt in Situationen, in denen eigentlich Wut angebracht wäre (um z. B. seine Grenzen zu verteidigen).

Gleichzeitig kann das Kind mit dem Sekundärgefühl neben der Zugehörigkeit zum System auch eigene Forderungen oder Bedürfnisse durchsetzen.

Hier wird es dann manipulativ und übertrieben.

Dafür zahlt dann das Kind einen hohen Preis: der echte Gefühlsausdruck wird mehr und mehr zurückgestellt und mehr und mehr verlernt.

Die Sekundärgefühle werden zur zweiten Natur und als ‚zu einem gehörig‘ gesehen – und können dann jederzeit auch ‚künstlich‘ erzeugt werden (oft unbewusst).

 

Charakteristika der Sekundärgefühle

– Sekundärgefühle verhindern Handeln und echte Schritte zu Lösungen.

– Sie haben eine hohes Ablenkungspotenzial durch verwirrende, theatralische, unruhige, aufwühlende Tendenzen.

– Sie sind manipulativ, dissonant, aufdringlich und lästig.

– Sekundärgefühle fordern Aufmerksamkeit ein – sowohl positive wie negative.

– Sie sind unangepasst an Zeit, Situation und Raum.

– Einige Sekundärgefühle sind dem augenblicklichen Alter der Person nicht angemessen, z. B. kindliche Überforderung bei Alltagssituationen.

– Das Sekundärgefühl verdeckt immer ein Primärgefühl, was im Hintergrund mitschwingt – dieses gilt es zu finden und herauszuarbeiten.

 

Der Weg vom Sekundär- zum Primärgefühl

 

  1. Die Person spürt selbst, dass hinter dem vordergründigen Gefühl ein anderes Gefühl mitschwingt

Mein Ausbilder Wolfgang Bracht hat uns in den Ausbildungsunterlagen ein so gutes Beispiel gegeben, dass ich es hier kurz zitiere:

„Gibt es noch ein anderes Gefühl, das unter deinem momentanen Gefühl liegt?“

Antwortet deine Klientin, dass sie unter der momentanen Wut eine Trauer spürt, was für dich stimmig ist, so bestärk sie, diese Trauer wahrzunehmen. Hierbei kannst du folgendermaßen vorgehen:

„Ja, genau, spür mal diese Trauer – Gut – Tauch da tiefer rein – Gut – Noch tiefer – Du bekommst jetzt Unterstützung von einer guten Kraft (DU holst jemanden rein) – Spür die Unterstützung – Ja, genau, geh weiter, geh tiefer – Gut – Weiter, ja.“ – „O.k., entspann dich für einen Moment. Atme ruhig und tief durch – Gut.“

Es ist wie ein Geschenk, wenn der Betroffene selbst ein anderes Gefühl unter dem Sekundärgefühl wahrnehmen kann.

Meist muss es herausgearbeitet werden.

 

  1. Den Körper als Gefühlsseismografen nutzen

Gefühle haben fast immer auch einen Körperbereich, in dem sie sich manifestieren.

Dieser ist von Person zu Person individuell verschieden.

Beispiel: Helga kommt wegen Wut in die Aufstellung

„Spüre mal in deinen Körper: Wo genau kannst du die Wut in deinem Körper wahrnehmen.“

„Mmmh, am Hals, hier. Ich könnte schreien.“

Sie macht dabei aber kein wütendes, sondern ein trauriges Gesicht.

„OK. Spür jetzt mal in den Hals. Komme ganz langsam vom Herzen hoch zu deinem Hals … Was spürst du da?“

„Meine Wut wird gerade weniger …“

„OK, ist da vielleicht noch ein anderes Gefühl hinter der Wut …?“

„Mmh, ja, so etwas wie Trauer …“

Usw. (wie oben unter 1.)

Interessanterweise sind Gefühle irgendwo im Körper ‚verortet‘ und wenn wir uns ganz langsam diesen Bereichen nähern, treten oft die Primärgefühle hervor, weil Sekundärgefühle nur schwach im Körper verankert sind.

 

  1. Erforschen der Biografie der Person

Welche Gefühle waren in der Familie und dem sozialen Umfeld erwünscht, welche Tabu?

In einer Aufstellung kann dann die verbietende bzw. gefühlsunterdrückende Person aufgestellt werden, um dann direkt wieder mit den ursprünglichen Primärgefühlen in Kontakt zu kommen und zu arbeiten.

Z. B. der strenge Vater, der Wut bei seiner Tochter als unweiblich ansah und verbot.

 

    4. Anschauen des gegenwärtigen Umfelds

Ist es überhaupt möglich, im gegenwärtigen Umfeld Primärgefühle zu zeigen?

Und wenn nicht, gibt es die Möglichkeit, sich ein solches zu suchen oder aufzubauen?

Hierbei helfen auch Ratgeber wie z. B. von Robert Betz, um Authentizität entwickeln zu lernen.

 

Fazit:

Primärgefühle voll und ganz zu fühlen ist der direkte Weg in Heilung, Ganzwerdung und Weiterentwicklung.

Diese werden jedoch oft von (meist unbewussten) Sekundärgefühlen überdeckt, die keine Veränderung zulassen.

In diesen Sekundärgefühlen schwingt zum Glück im Hintergrund immer auch das eigentliche Primärgefühl mit, das erlöst bzw. gefühlt werden will.

Diesen Hintergrund freizulegen ist ein Hauptanliegen der Prozessarbeit im Familienstellen.

Erst wenn die Primärgefühle wieder wirklich gefühlt werden, kommt es zu erleichternden Lösungen.

Und damit einher geht eine neue, größere Lebensqualität.

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