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Fremdgefühle – Für wen fühlst, denkst oder handelst du?

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© Gina Sanders - Fotolia.com

© Gina Sanders – Fotolia.com

Egal wo Marion wohnt – sie fühlt sich immer irgendwie heimatlos.

Es fällt ihr schwer, dauerhafte Bindungen aufzubauen, denn sie fühlt sich immer irgendwie auf dem Sprung.

Doch während sie das erzählt, ist kurz ein seliges Lächeln bei ihr zu sehen.

Marion hat 30 Jahre in ihrer Geburtsstadt gelebt. Erst dann fing sie an, in Kanada, Schweden und Schottland zu leben.

„Auch als ich in Karlsruhe lebte und aufwuchs, habe ich mich immer als ‚die Fremde‘ empfunden.

In Kanada dann war ich die Fremde und mein Empfinden und die Realität stimmten überein – das war sehr erleichternd.“

Trotzdem ist Marion hier in der Aufstellung, um das Gefühl der Fremdheit und Heimatlosigkeit zu verstehen.

Aus Marions Biografie ist das Gefühl der Heimatlosigkeit (und Fremdheit) nicht zu erklären.

Der Verdacht liegt nahe, dass es ein Fremdgefühl ist – ein Gefühl, das sie von jemand anderem aus ihrem System übernommen hat.

Primär-, Sekundär-, Fremd- und Metagefühle sind die sogenannten Gefühlskategorien, die im Familienstellen beachtet werden.

Im heutigen Artikel gehe ich auf die beiden Letztgenannten ein, Primär- und Sekundärgefühle behandelte ich bereits in einem anderen Artikel.

 

Woher rühren Fremdgefühle?

Fremde Gefühle zu übernehmen, ist ein Zeichen von starker (unbewusster) Bindungsliebe.

Über Bindungsliebe wird die Verbundenheit zum Familiensystem ausgedrückt. Wenn wir gegenüber den vorherrschenden Verhaltensweisen und Glaubenssätzen unserer Familie loyal sind, haben wir innerlich das Gefühl, mehr zum Familiensystem zu gehören und verspüren innerlich das ‚geheime Glück der Bindungsliebe‘ (nach Hellinger). Um dies immer wieder zu verspüren, nehmen wir sogar größte Leiden und Entbehrungen in Kauf.

 

Wie erkennst du Fremdgefühle?

Hierbei gibt es einige gut sichtbare Kriterien und andere, die eher indirekt als Hinweise auf Fremdgefühle gedeutet werden können.

Fremdgefühle

  1. passen nicht in die Situation, in der sie auftreten.
  2. machen andere in der Umgebung ratlos und ‚vernebeln‘.
  3. können sich dadurch zeigen, dass auf einmal Körperhaltung, Stimme, Gesichtsausdruck oder Ausdrucksweise sich verändern, so als ob eine andere Person vor dir steht.
  4. werden oft auch von einem ‚seligen Lächeln‘ begleitet, auch wenn etwas sehr Schlimmes gerade geschildert wird (siehe Anfang bei Marion).
  5. werden in der Aufstellung auch begleitet von Blinzeln, Augenschließen und Wegschauen gegenüber einer anderen Person (Ausweichmanöver zur Erhaltung des Status quo).
  6. verursachen auf der energetischen Ebene Dissonanzen und können so von sensitiven Aufstellern wahrgenommen werden.
  7. bewirken, dass der Betroffene öfter dissoziiert, den Faden verliert und kooperationsunwillig wird, wenn es um alte oder unbekannte Themen in seinem Familiensystem geht (dies kann auch ein Indikator für ein Familiengeheimnis sein).
  8. können zu Zwängen und Süchten führen, auch Todessehnsucht.
  9. lassen zwar vordergründig eigene Ziele zu, die aber werden hintergründig sabotiert, um fremde Ziele ausagieren zu können.
  10. können über Generationen weitergegeben worden sein und als sehr zur Familie gehörig empfunden werden.

 

Wie löse ich Fremdgefühle auf?

Zuerst ist es wichtig, die Person zu finden, von der die Fremdgefühle ursprünglich stammen.

Ist sie nicht ermittelbar, aber alle Hinweise sprechen für Fremdgefühle, kann man auch hypothetisch die Person in eine Aufstellung reinstellen, von der die Fremdgefühle stammen.

Dann kann man in einem Rückgaberitual das spezifische Gefühl der Person zurückgeben.

Pauschal ‚alles Übernommene‘ an die Person zurückzugeben, ist meiner Erfahrung nach oft kraftlos und nicht zielführend.

Je genauer man das Gefühl zurückgibt, desto eher kann es gelöst werden.

Hierbei sollte immer beachtet werden, dass die Bindungsliebe sehr stark wirkt und der Betroffene oft Skrupel hat bei der Rückgabe.

Behutsames, achtsames und lösungsorientiertes Denken und Handeln des Aufstellungsleiters sind hier sehr wichtig.

 

Marions Aufstellung

Nach einigem Suchen fanden wir in Marions System die Person, von der sie die Gefühle übernommen hatte.

Ihre Großmutter war aus Schlesien zum Ende des 2. Weltkriegs vertrieben worden und war schließlich in Karlsruhe gelandet.

Als die Großmutter in die Aufstellung kommt, kann Marion ihr schlussendlich das Fremdgefühl der Heimatlosigkeit zurückgeben.

Nach der Aufstellung erzählt sie noch, dass sie als kleines Kind eine Barbie-Puppe mit Pferd und Planwagen hatte, womit sie sehr häufig spielte. Und immer ging es dabei um Weiterziehen und die Heimat verlassen.

 

Abschließendes zu Fremdgefühlen

Fremdgefühle sind mit gängigen Therapiemethoden, die den systemischen Kontext nicht beachten, nicht therapierbar, da diese immer eine Lösung im Betroffenen suchen.

Das ist besonders tragisch, weil Fremdgefühle (und Identifikationen) ein durchaus häufiges Phänomen sind.

Zum Glück bietet die Aufstellungsarbeit hier bewährte Lösungen und erleichtert Betroffene nach einer oft langen Leidenszeit.

 

Zusatzthema: Metagefühle

Metagefühle haben mehr den Charakter von Zuständen als von Gefühlen an sich.

© Michael Schütze - Fotolia.com

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Sie sind ein Ausdruck unseres tiefsten Inneren und haben den Charakter einer spirituellen Erfahrung.

Das sogenannte Satori-Erlebnis (Erfahrung der ‚Erleuchtung‘) ist wohl das bekannteste und stärkste Metagefühl.

Weitere sind der ‚heilige Zorn‘, das ‚kosmische Lachen‘, das ‚Mutterglück‘ direkt nach der Geburt, die ‚universelle Liebe‘ oder ‚All-Liebe‘ und das ‚Eins-Sein‘.

Metagefühle gehen einher mit Harmonie, Entschlossenheit, Leichtigkeit, Heiterkeit, Staunen und dem Erleben von Fülle.

Worte können nur unvollkommen das tatsächliche Empfinden des Metagefühls beschreiben.

Wenn es auftritt oder wenn sich ein Metagefühl sogar in einer Aufstellung zeigt, ist das immer ein Geschenk für alles Anwesenden – besonders für den ‚Nutznießer‘.

Es sollte dann allen Beteiligten genügend Zeit zur Integration gegeben werden – und zum Genießen …

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