Parentifizierung und Reinszenierung - steckst du im Teufelskreis von Überforderung und Burn-out? - Marc Baco
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Parentifizierung und Reinszenierung – steckst du im Teufelskreis von Überforderung und Burn-out?

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© pathdoc - Fotolia.com

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Amira hatte vor Kurzem ihren zweiten Burn-out innerhalb von drei Jahren.

Den Ersten hatte sie noch als ‚Betriebsunfall‘ angesehen und es auf ein ungünstiges Zusammenfallen von Überstunden, Unterbesetzung, Schlafmangel und verschleppter Grippe geschoben.

Bald ging sie wieder zur ‚Tageordnung‘ über – sie machte weiter wie zuvor.

Beim zweiten Burn-out vor ein paar Wochen wurde sie dann nachdenklich und entschied sich nachzuschauen, was wirklich dahintersteckte.

Eine Freundin riet ihr zu einer Familienaufstellung.

„Also mein Chef ist schon sehr anspruchsvoll, aber nicht bei sich. Ich habe schon öfter Fehler und Nachlässigkeiten bei ihm ausgebügelt, sonst wäre er vom Konzern abgestraft worden.“

Im weiteren Verlauf des Vorgesprächs kommt noch heraus, dass Amira ihrem Chef auch des Öfteren eine schriftliche Gesprächsstrategie bei Verhandlungspartnern mitgibt, um sicherzugehen, dass er es ‚richtig‘ macht.

Überhaupt könne sie jederzeit seinen Posten übernehmen und eigentlich müsste er für sie arbeiten und nicht umgekehrt.

Was macht Amira hier eigentlich wirklich?

Einerseits füllt sie ihre Stelle aus und andererseits nimmt sie auch noch ihrem Chef dessen Arbeit ab. Sie arbeitet quasi für zwei.

Dabei ‚bemuttert‘ sie ihren Chef auch noch und überwacht ihn, dass er es ‚richtig‘ macht.

Das ist Fürsorge und Kontrolle – die Hauptaufgaben einer Mutter.

Im Familienstellen nennen wir dieses Verhalten Parentifizierung bzw. Amira ist parentifiziert.

 

Was ist die Parentifizierung?

Parentifizierung ist quasi ein Rollentausch von Eltern/Elternteil und Kind. Es ist eine Verstrickung.

Statt dass die Eltern für das Kind sorgen, ist dieses auf einmal in der Pflicht, die Eltern zu umsorgen.

Das Kind wird ‚groß‘ und die Eltern werden ‚klein‘.

 

Was sind die Konsequenzen einer Parentifizierung?

Zuerst fühlt es sich für das Kind toll an, groß zu sein, sogar größer als die Eltern zu sein. Es kommt in eine (meist unbewusste) Position der Anmaßung.

Doch dann merkt es ziemlich schnell, dass es noch nicht die Reife und Fähigkeiten hat, diese neue Rolle auszufüllen. Jetzt realisiert es die ständige Überforderung, die damit einhergeht.

Dazu kommt, dass das Kind sich oft unbewusst selbst für seine Anmaßung bestraft, denn im Grunde seines Herzens will das Kind große Eltern haben und klein sein dürfen.

Wenn jetzt das Kind für Fehler, die meist aus der Überforderung geschehen, gerügt, bestraft oder mit Liebesentzug sanktioniert wird, beginnt das Kind, sich noch mehr anzustrengen.

Aber nicht nur gegenüber den Eltern, sondern bald auch gegenüber anderen Autoritätspersonen (Lehrer, Ausbilder, Chefs etc.) und sogar wenig älteren Kindern.

Somit ist ein Teufelskreis etabliert, der sich – unbehandelt/ungelöst – so lange wiederholt, bis das Kind – und später der Erwachsene – zusammenbricht (als Kind meist Krankheiten und Unfälle, als Erwachsener Burn-out, Magengeschwüre und chronische Krankheiten u.a.).

Der Erwachsene greift natürlich dann auch zu allen möglichen Hilfsmitteln (pharmakologischen, alkoholischen …), um seine Leistung zu bringen.

Und dann kann es sein, dass die sekundären Folgen behandelt werden und die Grundursache – die Parentifizierung – sich gemütlich hinter Alkohol-, Medikamenten- und Drogenmissbrauch versteckt und das ‚Spiel‘ immer wieder von vorne beginnt.

 

© Imillian - Fotolia.com

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Mögliche Gründe, warum die Eltern ihre Rolle nicht ausfüllen

Als einfachsten Grund findet man oft, dass die Eltern von ihren Eltern keine oder nicht genug Fürsorge erhalten haben und sie sich diese als Ersatz beim Kind holen.

Dies ist ein Verstoß gegenüber dem Fluss des Lebens, der dafür sorgt, dass die Energien von den Eltern zu den Kindern fließen und nicht umgekehrt.

Leider kann sich das Kind dem Bedürfnis der Eltern nach Fürsorge nicht entziehen, sondern handelt (unbewusst) aus Liebe so, wie es die Eltern von ihm erwarten. Kinder sind unschuldig und nicht verantwortlich.

Weitere wichtige Gründe:

Trauma und traumatische Erfahrungen (Missbrauch, Unglück, Unfall etc.)

Identifizierung des Kindes mit einem Elternteil der Eltern (also mit Großvater oder Großmutter) – es hat somit die ‚natürliche‘ Rolle inne, solange es identifiziert ist

Nachfolge oder stellvertretende Nachfolge: ein oder beide Elternteile zieht es in den Tod, weil sie jemanden direkt (früh) verloren haben oder für jemanden anderen in den Tod gehen wollen, sodass derjenige bleibt

 

Der Ausweg aus dem Teufelskreis

Da beim Familienstellen der Erwachsene zu uns kommt und zumeist mit einem Problem aus dem beruflichen Umfeld, ist es erst einmal

© mikemols - Fotolia.com

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wichtig zu verdeutlichen, dass es sich hierbei im Beruf oft um eine Reinszenierung der Situation in der Familie handelt.

Also kann es sein, dass die Chefin, die ihre Rolle nicht ausfüllt, eigentlich wie die Mutter empfunden wird und der/die Parentifizierte sie umsorgt und ihr ureigene Arbeit abnimmt.

Diese Ebene ist aber eine eher sekundäre Ebene und deshalb sollte man ziemlich schnell mit dem Familiensystem selbst arbeiten und nur zum Schluss, wenn die Parentifizierung aufgelöst ist, mit dem beruflichen Umfeld in der Aufstellung überprüfen, dass es mit der Auflösung der Parentifizierung geklappt hat.

Nur im Familiensystem, am Ursprung von allem, kommt man zu einer einfachen, echten und dauerhaften Lösung (damit will ich nicht sagen, dass es keine anderen Möglichkeiten gibt, aber ich wage zu bezweifeln, dass man mit z. B. Verhaltenstherapie eine Parentifizierung in allen Lebensbereichen auflösen kann).

 

Amiras Aufstellung

L= Aufstellungsleiter, A=Amira, M=Mutter, V=Vater

L: „OK, lass uns mal aufstellen und schauen, was wirklich dahintersteckt …“

Wir stellen auf und ziemlich schnell nehmen wir den Chef heraus und stellen sie und ihre Eltern auf.

Es ergab sich dann folgendes Bild:

Amira 1

Abbildung 1: Anfangsbild

Amira hatte ihre Stellvertreterin hinter ihre Eltern gestellt und auch mehr hinter ihren Vater. Die Eltern standen etwas weit auseinander und die Mutter leicht abgewandt. Das Stehen hinter einer vorausgegangenen Generation ist eine mögliche und charakteristische Position, woran man eine Parentifizierung in der Aufstellung erkennen kann. Nachdem ich eine Identifizierung von Amira mit den Elternteilen der Eltern ausgeschlossen hatte, bat ich den Vater, sich umzudrehen. Die Mutter war wie weggetreten und fuhr ‚ihren eigenen Film‘.

Amira 2

Abbildung 2: Zwischenbild

L (zum Vater): Fühlst du dich größer, kleiner oder gleich groß wie Amira?

V: Mmmh … eigentlich kleiner.

L (zu Amira): Und wie ist es bei dir?

Amira steht unruhig und geht immer wieder auf die Zehenspitzen.

A: Ich … fühle mich ehrlich gesagt größer!

Ich hole die Klientin Amira rein, damit sie die kommenden Erfahrungen selbst erleben kann. Sie bestätigt die Aussagen ihrer Stellvertreterin.

L (zu Amira): Ist dir klar, dass das dein Vater ist?

A: Ja, schon …, aber …

L (zu Amira): OK, versuche mal, nur auf den Zehenspitzen stehen zu bleiben, geht das?

A: Ja, klar.

L (zum Vater): Ist dir klar, dass das deine Tochter ist?

V: Mmmhh, eigentlich schon …

L (zum Vater): Ich stelle es noch einmal klar, OK? Amira ist deine Tochter, die Tochter von dir und deiner Frau hier neben dir. Das ist eine biologische Tatsache.

V: OK.

Er richtet sich auf und atmet aus.

L (zu Amira): Anstrengend, auf den Zehenspitzen zu stehen, oder?

A: Ja!

L (zu Amira): Kannst du wieder normal stehen und jetzt noch einmal zu deinem Vater schauen? Hat sich etwas für dich verändert?

A: Ja … Er wirkt größer. Ich habe nicht mehr das Bedürfnis, auf den Zehenspitzen stehen zu wollen … müssen (?) …

L (zum Vater): Kannst du ihr sagen: ‚Ich bin der Große und du bist die Kleine.‘

Er sagt es.

L (zu Amira): Kannst du zu ihm sagen: ‚Ich bin die Kleine, du bist der Große.‘

Sie sagt es. Beide entspannen sich.

L (zu Amira): Gehe einmal langsam auf deinen Vater zu, solange es sich gut anfühlt. Wenn und falls du zu ihm kommst, schau ihm in die Augen und drehe dich nach einiger Zeit um, sodass er in deinem Rücken steht. Wenn du dann magst, kannst du dich an ihn anlehnen.

Amira macht es, ohne dass ihre Bewegungen abbrechen. Sie schaut ihrem Vater in die Augen und umarmt ihn. Dann dreht sie sich um und lehnt sich vorsichtig an ihn.

Amira 3

Abbildung 3: Endbild

L (zu Amira): Nimm das Gefühl mal in dich auf – dein Vater stützt dich, es gibt nichts zu tun, nur zu sein, ganz Tochter zu sein …

Ich lasse ihr ein paar Minuten und beende dann die Aufstellung.

 

Normalerweise arbeitet man im Kontext einer Parentifizierung meist auch mit den Großeltern, damit die Eltern dort das holen können, was sie von ihrem Kind holen. Ich habe es in diesem Fall einfach gehalten und ganz klientenzentriert.

Mit der abwesenden Mutter war hier noch eine ‚große Baustelle‘, die aber nicht vom Anliegen – den Hintergrund des Burn-outs zu finden und möglichst zu lösen – abgedeckt war. Dies fordert eine separate Aufstellung.

Ich habe hier auch mit der Übertreibung ihres Stehens auf den Zehenspitzen gearbeitet, um Amira körperlich in der Aufstellung zu zeigen, wie anstrengend die Parentifizierung für sie ist.

Einige Zeit später gab mir Amira die Rückmeldung, dass sie sich in eine andere Abteilung hat versetzen lassen und dort den Chef ganz den Chef lassen kann und sie einfach nur ihre Arbeit macht. Das ist für sie sehr erleichternd.

Auch gegenüber ihrem Vater fällt sie nicht mehr in die Rolle der ‚Bemutternden‘. Dafür muss sie aber sehr bewusst sein im Umgang mit ihm. Ich erwarte, dass es nach einiger Zeit von allein gehen wird.

 

Fazit:

Die Parentifizierung ist einer der Gründe für Burn-out (nach meiner Einschätzung sicherlich mehr als 10% aller Burn-out-Fälle). Meist ist der Burn-out durch Parentifizierung im Arbeitsleben eine Reinszenierung der Umstände und Situationen des Familiensystems.

Mit einer Aufstellung kann man gezielt an der Ursache arbeiten und es bestehen gute Lösungschancen.

2 Antworten : Parentifizierung und Reinszenierung – steckst du im Teufelskreis von Überforderung und Burn-out?”

  1. Kerstin R. sagt:

    Ich bin 56 Jahre alt und habe erst gestern und heute durch solche Artikel wie diese verstanden, dass ich noch immer in dieser anstrengenden umgekehrten Eltern -Rolle stecke; ich werde das sofort ändern und parallel weitere Artikel suchen, die mir dabei helfen werden; ich habe schon viel Therapieerfahrung hinter mir, sodass ich erkannte Probleme tatsächlich selber lösen / umsetzen kann; das schwierigste ist immer, wenn man gar nicht genau weiß, was genau das Problem ist; man spürt, dass etwas gewaltig schief läuft, aber findet die genaue Ursache nicht; vielen Dank; ich bin sehr froh Ihren Artikel gefunden zu haben; ich werde eine liebevolle Distanz zu meiner gesamten Familie entwickeln und endlich mein eigenes Leben leben, statt ständig zu überlegen wie ich meine gestörte Familie unterstützen kann und wie ich die Probleme meiner Eltern, meines Bruders, meines Neffen, meiner Tante, meiner Cousine, meiner lieben Bekannten/ Freundinnen und Arbeitskolleg/Innen löse;

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