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Fantasie – Die Schattenseiten der Macht der Fantasie

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© agsandrew - Fotolia.com

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„Ich weiß nicht mehr weiter! Mein Sohn ist gerade 8 Jahre geworden, aber er scheint schon voll in der Pubertät zu sein. Er lässt sich kaum etwas sagen und – ich schäme mich, das zu sagen – mir ist auch schon ein paar Mal die Hand ausgerutscht, als ich nicht mehr weiter wusste. Ich habe mich dann später bei ihm entschuldigt.“

„Hat er regelmäßig Kontakt zu seinem Vater?“

„Ja, bei ihm ist alles OK, wenn er über das Wochenende oder in den Ferien dort ist – mein Exmann glaubt mir fast nicht, wenn ich ihm erzähle, wie schwierig es mit Jaro geworden ist.“

„Eine Frage noch: gab es vor deiner Heirat mit deinem Exmann eine große Liebe bei dir?“

„Ach … ja“, seufzt Janina, „Gerald – das war mein Traummann …“

„Warum habt ihr nicht geheiratet?“

„Naja, er kam aus einfachen Verhältnissen. Das wäre mit mir als großbürgerlicher Tochter nicht gut gegangen …“

„Das heißt, du hast die Beziehung beendet?“

„Ja, als mir mein Exmann Peter begegnete, ein gestandener Manager, habe ich mein Herz ignoriert und habe Gerald verlassen.“

„Hattet ihr danach noch Kontakt?“

„Nein. Er war sehr verletzt und ich hatte ja jetzt sofort Peter. Wir heirateten schnell und dann war auch schon Jaro unterwegs .“

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„OK, alles Weitere wird sich dann in der Aufstellung zeigen.“

 

Die Achtung und Würdigung früherer Partner

Wenn, wie in diesem Fall, das Glück eines Paares vom ‚Unglück‘ eines Expartners abhängt, kann es vorkommen, dass sich ein Kind mit dem Expartner unbewusst identifiziert.

In diesem Fall war es aber so, dass Peter sich des Unglücks von Gerald durchaus bewusst war und ihm Achtung entgegenbrachte (so zumindest stellte es sich in der Aufstellung dar – hier nicht nochmals dargestellt).

Wir stellten folgendermaßen auf:

JA=Janina, Ex1 =Expartner Gerald, Ex2=Exmann Peter, JO=Sohn Jaro

Janina 1

Abbildung 1: Anfangsbild

Janina hat fast nur Augen für ihren Ex Gerald. Jaro steht neben Gerald und es wirkt wie eine Identifikation. Der Exmann Peter, Vater von Jaro spielt keine Rolle für Janina.

L=Aufstellungsleiter, andere Abkürzungen wie oben

L (zu JA): Was ist dein erster Impuls?

JA: Ich möchte in die Arme von Gerald …

L (zu Ex1): Gerald, möchtest du das auch?

Ex1: Ja!

L (zu JA): Kannst du deinen Sohn Jaro wahrnehmen?

JA (schaut kurz zu JO): Ja …

L (zu JO): Wie geht es dir mit deiner Mutter und dem, was hier passiert?

JO: Ich bin wütend …

L (zu JO): Auf wen?

JO: Auf meine Mutter!

L (zu JO): Ich möchte mal etwas ausprobieren – könntest du dich zu Gerald wenden und ihn anschauen?

JO und Ex1 wenden sich einander zu.

L (zu JO): Kannst du dich als getrennt von ihm wahrnehmen?

JO: Ja!

L (zu Ex1): Spürst du eine Verbindung zu Jaro?

Ex1: Nein!

L: Interessant! Keine Identifikation! Folgt mal langsam euren Bewegungsimpulsen …

Die nächsten 5 Minuten bewegen sich die Stellvertreter. Schließlich kommen die Bewegungen zum Stillstand.

Janina 2

Abbildung 2: Zwischenbild

Gerald, Janina und Jaro bilden das Abbild einer ‚Familie‘. Nur Jaro schaut etwas schüchtern ‚bedröppelt‘ zu seinem Vater gegenüber. Jetzt kommt Janina selbst in die Aufstellung und nimmt den Platz ihrer Stellvertreterin ein.

L (zu JA): Wie fühlst du dich hier?

JA: Super! Alles ist gut! Ich bin glücklich!

L (zu JA): Ist das deine innere Wirklichkeit?

JA: Ja …! (Zögernd) Ja, meine Wunschfantasie …

L (zu JA): Hast du dir heimlich oder innerlich gewünscht, dein Sohn Jaro wäre von Gerald? Spür da mal in dich hinein!

JA: Mmmh … ja, schon. Er ist es irgendwie auch …

L (zu JO): Wie geht es dir damit, dass deine Mutter dich als Sohn von Gerald sieht?

JO: Gar nicht gut! Ich will zu meinem Vater!

Er geht einen Schritt vor.

JA (zu JO): Nein, was fällt dir ein – du bist unser Sohn!

Jaro stockt.

L (zu Ex2): Jetzt braucht es die Kraft des Vaters …!

Ex2 (zu JO): Komm zu mir! Ich bin dein Vater!

Ex2 (zu JA): Er ist mein Sohn und nicht Geralds!

Jaro geht zu seinem Vater und stellt sich neben ihn.

Janina 3

Abbildung 3: Endbild

L (zu JA): Die Wahrheit ist, dass Jaro dein und Peters Sohn ist. PUNKT. Kannst du das Jaro sagen?

JA: Äh … nein … ich meine Ja …

L (zu JA): OK, atme mal tief durch, aber lass sie Augen jetzt bewusst auf. Sagst du es Jaro?

JA: Ja …

JA (zu JO): Du bist mein Sohn und der Sohn von Peter.

JO atmet hörbar aus.

L (zu JA): Kannst du Jaro sagen, dass es dir leid tut, dass du ihn in deiner Fantasie als Sohn von Gerald und dir gesehen hast?

JA (zu JO): Jaro, es tut mir leid, dass ich mir in meiner Fantasie vorgestellt habe, dass du Gerald und mein Sohn wärest.

JO nickt nur, ohne etwas zu sagen. Wir beenden die Aufstellung hier.

 

Nachbetrachtung und tiefere Deutung

Obwohl es zuerst so aussah, als ob Jaro mit der großen Liebe seiner Mutter Gerald identifiziert sei, kam etwas ganz anderes zutage.

In der Fantasie seiner Mutter war er das Kind von Gerald und ihr. Um von seiner Mutter ‚gesehen‘ zu werden, stellte er sich instinktiv neben Gerald am Anfang der Aufstellung. Tatsächlich hat Janinas Herz die Trennung zu Gerald niemals vollzogen (und es würde eigentlich ein Trennungsritual anstehen, was aber nicht der Auftrag war). Bei seinem Vater Peter hatte Jaro keine Probleme, weil der ihn als seinen und Janinas Sohn immer schon angesehen hat.

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Auch Gerald steckte in seinen alten Gefühlen fest und war keine Hilfe für das Anliegen, Janinas Verhältnis zu Jaro zu verbessern.

Erst als Janina den Tatsachen wirklich ins Auge blickte, konnte es für Jaro Erleichterung geben – ganz nach Byron Katie „Truth heals“ (Die Wahrheit heilt.)

Solange Janina in ihren Fantasien gefangen ist, ist der sichere und gesunde Platz für Jaro eigentlich bei seinem Vater.

Die Schwierigkeiten mit seiner Mutter kann man als Hilferuf deuten, endlich als der gesehen zu werden, der er ist: der Sohn von Janina und Peter.

Dazu kommt noch der Loyalitätskonflikt zu Vater und Mutter: natürlich will er es auch seiner Mutter ‚recht machen‘. Deshalb stellte er sich ‚energetisch‘ neben Gerald, um von seiner Mutter richtig wahrgenommen zu werden. Das war aber schon gleichzeitig ein (kleiner) Verrat an seinem Vater Peter.

Jaros innerer Loyalitätskonflikt entlud sich deshalb immer wieder in Konflikten mit seiner Mutter. Bei seinem Vater konnte Jaro so sein, wie er war und deshalb kam es fast nie zu Konflikten mit Peter.

Janina meldete sich nach einiger Zeit und berichtete, dass die Konflikte nachgelassen hätten.

 

Fazit:

Die Macht der Fantasie ist auch in Aufstellungen ein Faktor, den es zu beachten gilt. Hellinger wies schon früh darauf hin, wie wichtig es ist, nach dem Motto „annehmen, was ist“ zu leben. Wenn wir in unserer Wunsch- und Traumwelt verharren, müssen vielleicht nicht nur wir, sondern auch andere – meist die Kinder – darunter leiden.

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