Unterbrochene Hinbewegung – Wenn die Selbstanbindung des Neugeborenen nicht glückte

© Paul Hakimata - Fotolia.com
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„War irgendetwas während deiner Kindheit, wobei du von deiner Mutter getrennt warst, Ivanka?“

„Nein.“

„Krankenhausaufenthalte, irgendeine Trennung, als du ganz klein warst?“

„Nein, gar nichts. Meine Mutter hat mir nur erzählt, dass sie mich nicht stillen konnte, weil ich es irgendwie nicht annehmen konnte. Da bekam ich das Fläschchen.“

„Bist du in einem traditionellen Krankenhaus in der Ukraine geboren?“

„Ja.“

„Deine Probleme könnten mit den ersten Minuten nach deiner Geburt zusammenhängen …“

„Wieso?“

„Deine Symptome weisen auf einen besondern Fall der unterbrochenen Hinbewegung zu deiner Mutter hin.“

Ein Sonderfall der unterbrochenen Hinbewegung

Die missglückte Selbstanbindung des Neugeborenen ist eine Sonderform der unterbrochenen Hinbewegung.

Um sie zu verstehen, muss man den idealen Verlauf direkt nach der Geburt kennen:

– Das Baby kommt ohne betäubende Medikamente und ohne Kaiserschnitt auf die Welt.

– Es wird ohne ein Durchtrennen der Nabelschnur und ohne es zu waschen direkt auf den Bauch der Mutter gelegt.

– Von hier aus bewegt es sich langsam von selbst auf die Mutterbrust zu, um das erste Mal zu trinken. Die Mutter kann ganz leicht diese Bewegung unterstützen, aber sie sollte dem Neugeborenen nicht „die Arbeit“ abnehmen.

© Andrei - Fotolia.com
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– Schließlich erreicht das Baby nach 20 min. bis 45 min. die Mutterbrust und beginnt zu trinken.

– In der Zwischenzeit hat sich die Mutter etwas von den Geburtsstrapazen erholt und kann das Kind liebevoll, mit ermunternden Worten zu ihrer Brust begleiten.

– Nach dem ersten Stillen schläft das Baby meist sofort erschöpft an die Mutter geschmiegt ein.

Der Verlauf in den Krankenhäusern der Sowjetunion und noch heute in vielen Nachfolgestaaten war und ist für das Kind und die Mutter sehr belastend:

– Dem Kind wird der obligatorische Klaps zum Atmen verabreicht und sofort wird die Nabelschnur durchtrennt.

– Es wird gewaschen, gewogen, Tests durchgeführt, evtl. brennende Augentropfen verabreicht.

– Dann wird das Baby auf die Säuglingsstation gebracht.

– Die Mutter wird währenddessen zum Schlafen gebracht.

– Meist sieht die Mutter das Kind erst am nächsten Tag wieder.

Dieses Vorgehen war auch ähnlich in Deutschland lange Standard, bevor sich schonendere und die Mutter-Kind-Bindung achtende Verfahren durchzusetzen begannen.

All dies kann potenziell traumatische, auf eine unterbrochene Hinbewegung hinauslaufende Folgen haben.

Zum Glück konnten viele Familien mit Liebe und Hinwendung die Folgen abmildern – aber leider nicht alle.

Mögliche Symptome einer fehlenden Selbstanbindung

Die fehlende Selbstanbindung zeigt sich u.a.

früh durch:

– Ablehnen der Mutterbrust

– Passivität im Entdecken und Erkunden der Umgebung

– Kälteempfindlichkeit

später (auch im Erwachsenenalter) durch:

– Kontaktschwierigkeiten

– Passivität und (scheinbare) Bequemlichkeit

– mangelndes Durchhaltevermögen

Ivankas Aufstellung

Ivanka hatte Probleme mit ihrer Mutter, wobei es immer wieder zu unerklärlichen Kontaktabbrüchen kommt. Hinzu kam ihre mangelnde Ausdauer – selbst bei Sachen, die sie sehr gern macht.

Wir stellen sie und ihre Mutter auf und gehen erst ganz klassisch wie bei der unterbrochenen Hinbewegung vor.

Ivanka 1

Abbildung 1: Anfangsbild (M=Mutter, I=Ivanka)

Zuerst geht Ivanka ganz langsam auf ihre Mutter zu.

Bei fast der Hälfte des Weges verlässt sie die Kraft, obwohl ihre Mutter sie liebevoll auffordert.

Ich schlage Ivanka vor, dass wir sie als neugeborenes Kind durch eine Stellvertreterin aufstellen und sie selbst als Erwachsene in der Aufstellung das Kind begleitet.

Die Stellvertreterin soll dabei über den Boden zur Mutter „robben“.

Ivanka 2

Abbildung 2: Zwischenbild (M=Mutter, IK=Ivanka als Neugeborenes, IE=Ivanka selbst als Erwachsene)

Die Stellvertreterin robbt vorsichtig auf die Mutter zu, aber hält schon nach ca. 1m. Ivanka selbst erstarrt erst einmal, und erst als ich sie an ihre Aufgabe erinnere, begleitet sie das Kind.

Nach einem weiteren Meter fängt Ivanka an zu weinen. Es sind lösende, stille Tränen. Dazwischen ermuntert sie immer wieder die Stellvertreterin, sich weiterzubewegen.

Nach einer halben Stunde erreichen beide merklich geschafft die Mutter.

Ivanka 3

Abbildung 3: Endbild

Die Stellvertreterin sinkt in den Schoß der Mutter.

Ivanka selbst umarmt ihre Mutter und die Stellvertreterin.

Nach einiger Zeit beenden wir die Aufstellung.

Nachbetrachtung

Während der ganzen Aufstellung wurde wenig gesprochen oder nachgefragt.

Der Vorrang hatte hier das nachzuholen, was damals im Krankenhaus verhindert wurde bzw. durch die Umstände nicht möglich war.

Ivanka selbst als Erwachsene mit hineinzunehmen, war der Tatsache geschuldet, ihr ein Erfolgserlebnis zu ermöglichen.

© Beznika - Fotolia.com
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Es war das erste Mal, dass Ivanka etwas Wichtiges mit Ausdauer zu Ende gebracht hat.

Und auch hier zeigten sich in der anfänglichen Erstarrung Traumasymptome, die sie aber dann überwinden konnte.

Ivanka hatte erkannt, dass sie hier eine zweite Chance hatte – und sie hat sie entgegen allen bisherigen Erfahrungen genutzt.

Das ist auch immer eine Gnade und nicht unbedingt den Fähigkeiten des Aufstellungsleiters geschuldet.

Er oder sie kann nur den äußeren Rahmen schaffen und den Kräften des Feldes (der Gesamtheit der Anwesenden) vertrauen, eine gute Lösung zu finden.

Von Ivanka kam später die Rückmeldung, dass die Beziehung zu ihrer Mutter sich deutlich verbessert hatte. Zusätzlich hat sie jetzt das Gefühl, viel mehr Ausdauer als früher zu haben und so zeigen sich erste Erfolge in ihrem Leben, die sie so noch nicht kannte.


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