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Wie eine Märchenaufstellung dein Lebensskript enthüllt

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© Elena Schweitzer- Fotolia.com

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„Ganz klar Dornröschen!“, antwortete Frauke auf meine Frage, was in ihrer Kindheit ihr Lieblingsmärchen gewesen sei.

„Ich habe mir Dornröschen auf Schallplatte tausendmal angehört – manchmal zehnmal am Tag.“

Solch eine klare Antwort erhält man selten, wenn man als Aufsteller nach dem Lieblingsmärchen oder überhaupt der beeindruckendsten Geschichte in der Kindheit fragt.

Und somit hat mir ihre Antwort schon einen ersten möglichen Lösungshinweis gegeben, worum es bei ihr ging.

Wie sieht nun eine Märchenaufstellung ganz praktisch aus?

Es gibt zwei bekannte Wege, die z. B. Thomas Schäfer in „Wenn Dornröschen nicht mehr aufwacht – Die Botschaft der Märchen in Familienaufstellungen“ (Hier klicken zum Buch auf Amazon) vorstellt.

Bei der ersten Möglichkeit liest der Aufstellungsleiter ein Märchen bis zu einem spannenden Höhepunkt, bricht ab und lässt die Teilnehmer bzw. den/die aufstellende/n Kliente/in das Märchen weitererzählen.

Der Vorteil dieser Methode ist, dass meist sehr individuelle, stark autobiografisch gefärbte Inhalte preisgegeben werden, womit oft der innere Zensor umgangen werden kann (eine innere Instanz, die uns schützen soll, Dinge, die meist entweder Schuld- oder Scham-besetzt sind, zu offenbaren).

Die zweite, häufigere Methode fragt direkt nach dem beeindruckendsten oder beliebtesten Märchen (oder Legende, Geschichte …).

In diesem Fall kann man wiederum mit zwei Möglichkeiten arbeiten.

Der/die Aufstellende verkörpert eine Person des Märchens, evtl. zuerst durch eine/n Stellvertreter/in, was spannende Inneneinsichten der Person in der Situation liefert.

Im anderen Fall kommt der/die Aufstellende zusätzlich in die Aufstellung und kommt so in Beziehung zum Geschehen im Märchen.

In Fraukes Fall wählt diese eine Stellvertreterin für sich als Dornröschen.

Zur Erinnerung das Märchen „Dornröschen“ in Kurzform.

Anlässlich der Geburt seiner sehnlichst gewünschten Tochter veranstaltet der König ein großes Fest, zu dem auch die wichtigsten weisen Frauen des Reiches eingeladen waren. Leider gab es nur 12 goldene Teller, aber 13 weise Frauen, sodass eine kurzerhand ausgeladen wurde.

Beim Fest nun schenkte jede weise Frau der Königstochter einen magischen Segen, als auf einmal die Ausgeladene erschien und einen Todesfluch auf die Neugeborene warf. Sie solle im Alter von 15 Jahren an einer vergifteten Spindel sterben.

Die zwölfte, weise Frau hatte zum Glück ihre magische Segnung noch nicht gesprochen und so schenkte sie eine Abschwächung des Fluches auf 100 Jahre Schlaf statt des Todes.

Obwohl der König darauf alle Spindeln im Königreich verbrennen ließ, lockte die 13. Frau die Tochter im besagten Alter in einen alten Turm zu ihrem Spinnrad, wo sich das Mädchen an der Spindel stach.

Dann schliefen sie und der ganze Hofstaat für 100 Jahre, wobei in der Zwischenzeit etliche Prinzen den die Burg nun umgebenden Dornen zum Opfer fielen. Schließlich nach knapp 100 Jahren gelang es einem Prinzen, durch das Dornengestrüpp zu gelangen und Dornröschen wachzuküssen.

Alle erwachten und feierten gleich Hochzeit von Dornröschen mit dem ferngereisten Prinzen.

Soweit das Märchen.

Fraukes Märchenaufstellung

In der Aufstellung von Frauke hatten wir nun Stellvertreter für König (K), Königin (Q), 12. (weise) Frau, 13. (weise) Frau, Dornröschen (D), Prinz (P).

Märchen-1

Abbildung 1: Anfangsbild

Wie wir sehen können, steht die 13. (weise) Frau ganz im Mittelpunkt. Sie will gesehen werden. Sie schaut in der Aufstellung abwechselnd Dornröschen und den König an.

Dornröschen steht neben dem König in der Partnerposition. Dies ist für sie sehr ungesund, da eigentlich der Platz ihrer Mutter und ein Anzeichen für eine Triangulierung.*

Die Königin steht abseits isoliert, aber mit Blick auf die 13. (weise) Frau. Ebenso ergeht es dem Prinzen.

Die 12. (weise) Frau steht nahe beim König, in einer dominant-unterstützenden Position.

 

* Exkurs Triangulierung:

Die Triangulierung ist eine schwerwiegende Ordnungsstörung, die man auch mit ‚Prinz/Prinzessin-Syndrom‘ bezeichnen könnte.

Ich möchte mich hier auf die wichtigste und am häufigsten vorkommende Triangulierung beschränken: das Hineinziehen eines Kindes in einen offenen oder latenten Konflikt der Eltern. Ein Elternteil verbündet sich dabei mit dem betroffenen Kind gegen den anderen Elternteil. Wenn es dann noch ein Bündnis zwischen gegengeschlechtlichen Familienteilen ist, (Vater/Tochter oder Mutter/Sohn) gerät das Kind oft in eine Partnerposition.

Allgemein kann man sagen, dass eine Triangulierung ein Hineinziehen einer Person niederer Hierarchiestufe in einen Konflikt auf einer höheren Hierarchiestufe ist.

Das fühlt sich für das Kind zunächst grandios an: Es ist Vertraute/r, es wird auf einen Schlag erwachsen und ist wer/wichtig und damit bekommt es sehr viel Aufmerksamkeit – sie wird zur Prinzessin, er zum Prinzen.

Die Schattenseite ist, dass dem Kind das Kindsein fehlt und es in einer Erwachsenenposition permanent überfordert ist. Daraus ergibt sich auch eine Konkurrenzsituation zum anderen Elternteil und im Verlauf des späteren Lebens kann es zu Problemen mit gleichgeschlechtlichen Personen und Autoritätspersonen kommen. In Beziehungen gibt es später meist Schwierigkeiten, weil der Partnerplatz eigentlich durch das Elternteil besetzt ist, demgegenüber das Kind loyal ist.

Schwierig hieran ist besonders, dass es sich so wunderbar gut anfühlt ‚trianguliert‘ zu sein.

Diese durchaus angenehmen Gefühle an der Oberfläche sind psychisch gesehen sehr ungesund. Sie aufzugeben hat den Charakter ‚der Vertreibung aus dem Paradies‘. Letztendlich braucht es wahrscheinlich einen hohen Leidensdruck, bis man doch bereit ist, etwas zu ändern.

Aus systemischer Sicht fehlen dem ‚triangulierten‘ Kind die stärkende Kraft des gleichgeschlechtlichen Elternteils (auch als Rollenvorbild) und ein Teil der Individuationserfahrung (es wurde ja direkt in die Erwachsenenebene katapultiert, ohne sich ausreichend lange entwickeln zu können). Weiter besteht auf einer tiefen Ebene im Kind ein Loyalitätskonflikt – denn eigentlich liebt es beide Elternteile gleich und es musste eine Liebe verleugnen (und damit ins Unbewusste verdrängen).

 

Was ist also in Fraukes Märchenaufstellung tatsächlich los?

Dornröschen ist höchstwahrscheinlich trianguliert mit ihrem Vater, dem König.

Der zweite zu vermutende Punkt ist, dass die 13. (weise) Frau, eine – wenn nicht die – große Liebe des Königs war, also eine Ex.

Wie im Märchen dargestellt, wurde sie nicht gewürdigt (einfach ausgeladen).

Nun ist es aber so, dass Dornröschen ihr Leben dem Unglück der 13. (weisen) Frau verdankt.

Ohne das Scheitern der Beziehung zwischen König und der 13. hätte der König nicht mit der Königin Dornröschen gezeugt.

Es scheint wohl so gewesen zu sein (und das wird im Märchen verklausuliert dargestellt), dass der König, die Königin und Dornröschen das Unglück der 13. nicht gewürdigt haben.

Dies bewirkt den Fluch auf Dornröschen.

In Fraukes Fall finden wir heraus, dass ihr Vater vor Fraukes Mutter eine große Liebe hatte und sie aus Standesgründen nicht geheiratet hat.

Als Frauke geboren wurde, sah ihr Vater in seiner Tochter die Verflossene (Projektion) und so kam es zur Triangulierung mit all ihren negativen Folgen für Frauke.

Wie sieht die Lösung aus?

Im Laufe der Aufstellung würdigte Frauke zuerst das Unglück der Ex-Geliebten ihres Vaters.

Dann lösten wir die Projektion beim Vater auf, sodass Frauke aus der Triangulierung herauskam.

Dazu mussten wir sie dann auch mit ihrer Mutter versöhnen, zu der sie – da sie ja in einer Konkurrenzposition zu ihr war – immer ein angespanntes Verhältnis hatte.

Die 12. (weise) Frau und der Prinz spielten bei Fraukes Thematik nur eine untergeordnete Rolle.

Märchen-2

Abbildung 2: Endbild – 13. (weise) Frau wird gewürdigt; die Königin steht in der Partnerposition zum König und Dornröschen in ihrem „Bannkreis“

Mit dieser einen – zugegebenermaßen sehr langen – Aufstellung konnten wir bei Frauke wichtige Themen auflösen.

Fraukes Lebensskript war dem der nicht gewürdigten 13. Frau im Märchen ähnlich:

Sie wurde nicht als das gesehen, was sie war.

Ihr Vater hat sie nicht als Tochter gewürdigt.

Sie selbst hatte das Schicksal der großen Liebe ihres Vaters nicht gewürdigt.

 

Die Lebensthemen oder –skripte in Märchen (Auswahl):

  1. „Der Wolf und die sieben Geißlein“

Dem Vater werden die Kinder vorenthalten und die Mutter verteufelt ihn gegenüber den Kindern.

  1. „Der Froschkönig“

Missachtung des Männlichen durch Frau

  1. „Der eiserne Heinrich“ (2. Teil vom Märchen „Froschkönig“)

Traumatisierter Mann im Familiensystem

  1. „Dornröschen“

Nicht-gewürdigte große Liebe des Vaters/Großvaters

  1. „Rotkäppchen“

Missbrauchsenergien im Familiensystem

  1. „Hans im Glück“

Männlicher Verwandter, der alles verloren hat mit negativen Auswirkungen auf das Familiensystem

  1. „Hänsel und Gretel“

Fehlende oder emotional nicht anwesende Eltern

  1. „Aschenputtel“
    Erster Teil: Früh verstorbenes Elternteil, Stiefkinddasein
    Zweiter Teil: Weibliche Rivalität um einen Mann
  2. „Das Rumpelstilzchen“

Weggegebene Kinder, Abtreibungen, Früh- und Totgeburten wirken stark im Familiensystem

  1. „Sterntaler“

Magersucht oder Waisenkinder im Familiensystem, sodass das eigene Glück in Anbetracht eines schweren Schicksals nicht genommen wird

 

Fazit:

Wie wir sehen konnten, bergen wichtige Märchen (und andere Geschichten) unserer Kindheit tief liegende Schätze zur Einsicht in unsere Familiendynamiken und dadurch für unsere Lebensskripte.

Märchenaufstellungen eignen sich dann besonders, wenn dir selbst nicht klar ist, woran es in deinem Leben klemmt und was du aufstellen möchtest.

Was ist dein Lieblingsmärchen?

 

 

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