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Alkoholismus: Warum es so schwer ist, vom Alkohol wegzukommen

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© Artem Furman - Fotolia.com

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Anuschka ist Alkoholikerin mit drei Kindern. Sie ist alleinerziehend und immer wieder arbeitslos.

„Mein Vater war schon Alkoholiker und meine Mutter hat ihn, als ich 6 Jahre alt war, verlassen. Mittlerweile ist er gestorben.

Als Kind habe ich ihn dann nur noch zwei Mal gesehen. Meine Mutter hat mir und meinem jüngeren Bruder verboten, mit ihm Umgang zu haben.“

„OK, Anuschka, wir schauen uns das in der Aufstellung mal genauer an.“

Ich hatte mit ihr vereinbart, dass sie am Tag der Aufstellung so wenig wie möglich trinkt, auch wenn sie aufgeregt ist.

Es ist sinnlos, in diesem Fall Alkohol am Aufstellungstag zu verbieten, so wie es einige Kollegen und Kolleginnen tun.

Es hätte sie viel zu sehr unter Stress gesetzt durch die Entzugserscheinungen.

Ein paar Fakten zum Alkohol (Quelle: http://www.drogenbeauftragte.de/drogen-und-sucht/alkohol/alkohol-situation-in-deutschland.html )

– 9,5 Mio. Menschen in Deutschland konsumieren Alkohol in gesundheitlich riskanter Form.

– Durchschnittlich werden pro Kopf der Bevölkerung jährlich zehn Liter reinen Alkohols konsumiert.

– Etwa 1,3 Mio. Menschen gelten als alkoholabhängig.

– Nur etwa 10 Prozent unterziehen sich einer Therapie – oft erst viel zu spät nach 10 bis 15 Jahren einer Abhängigkeit.

– Jedes Jahr sterben in Deutschland 74.000 Menschen an den direkten und indirekten Folgen ihres Alkoholmissbrauchs.

– Die volkswirtschaftlichen Kosten belaufen sich auf 26,7 Milliarden Euro, davon sind allein 7,4 Milliarden direkte Kosten für das Gesundheitssystem.

– Als legales Genussmittel ist Alkohol leicht verfügbar und gesellschaftlich anerkannt.

Abhängigkeitsfaktoren

Wie ich von einer Krankenschwester erfahren habe, wird schwer alkoholabhängigen Patienten Alkohol vom Krankenhaus verabreicht, weil die Möglichkeit besteht, dass Menschen an den Entzugserscheinungen von Alkohol sterben können.

Damit ist Alkoholentzug derjenige mit den körperlich schlimmsten Folgen.

© VadimGuzhva - Fotolia.com

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Dazu kommt noch das sogenannte Suchtgedächtnis.

www.kenn-dein-limit.info schreibt zum Suchtgedächtnis Folgendes:

„Wenn sich eine Abhängigkeit oder Sucht entwickelt hat, ist es meist schwer, diese zu überwinden. Das liegt vor allem am Suchtgedächtnis: Durch den langfristigen Alkoholkonsum wird das Belohnungssystem des Gehirns regelmäßig aktiviert. Diese positiven Erfahrungen werden im Suchtgedächtnis gespeichert. Auch Jahre oder Jahrzehnte nach einem erfolgreichen körperlichen Entzug verliert das Suchtgedächtnis nicht seine potenzielle Wirkung: Schlüsselreize wie der Anblick von Alkoholflaschen oder bestimmte Orte wie Bars und Gaststätten können das Suchtgedächtnis aktivieren. Das Risiko eines Rückfalls steigt. Aus diesem Grund wird in Therapien auch der erfolgreiche Umgang mit solchen Schlüsselreizen geübt. Ob das Suchtgedächtnis ganz gelöscht werden kann, ist wissenschaftlich noch nicht erwiesen.“

Familienstellen und Alkoholismus

Die Besonderheit der Alkoholabhängigkeit ist das Faktum, dass es nur ganz selten auf nur eine Ursache zurückzuführen ist (dann meist Trauma/traumatische Erfahrung).

Meist bilden mindestens zwei Ursachen eine sich gegenseitig verstärkende Disposition für Alkoholmissbrauch.

Nach Hellinger steht der Alkoholmissbrauch oft in Verbindung mit dem Verhältnis zum Vater.

Entweder war er abwesend, früh verstorben oder die Mutter hat den Kontakt unterbunden oder erschwert und missbilligt.

Eine offene oder verdeckte Botschaft der Mutter könnte gewesen sein: „Nimm nichts vom Vater.“

Da aber Kinder beide Eltern lieben, kann das Kind der Mutter gegenüber loyal gehandelt haben, aber sich dafür unbewusst später bestrafen – eben durch übermäßigen Alkoholkonsum.

Eine Ursache ist also ein (schwerer) Loyalitätskonflikt gegenüber Mutter und Vater.

Schuld ist ein weiterer häufiger auftretender Aspekt, wobei es auch eine übernommene Schuld von einem anderen Systemmitglied sein kann.

Um sich der Schuld seelisch nicht stellen zu müssen, werden die Schuldgefühle mit Alkohol unterdrückt.

Bei Traumata ist Alkohol eine Überlebensstrategie, um die Erinnerungen und die mit dem Trauma verbundenen Gefühle nicht wahrnehmen zu müssen.

Ausführliches Vorgespräch notwendig

Wie schon oben geschrieben, gibt es meist mindestens zwei Ursachen für die Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit.

Deshalb ist es meines Erachtens sehr wichtig, beim Problem Alkoholismus ein ausführliches Vorgespräch zu führen, um mögliche Ursachen im Familiensystem zu finden.

Alkoholmissbrauch erfordert (fast immer) mehrere Aufstellungen

Mehrere Ursachen für den Alkoholmissbrauch erfordern auch mehrere Aufstellungen.

Das heißt jetzt nicht, dass das Problem nicht auch in einer Aufstellung gelöst werden könnte – nur persönlich habe ich das noch nicht erlebt.

Geduld und Ausdauer sind hier gefragt.

Anuschkas Aufstellung

In einer vorherigen Aufstellung hatten wir mit Anuschka und ihrem verstorbenen Bruder gearbeitet.

In dieser Aufstellung ging es um sie und ihre Eltern.

Wie eingangs beschrieben, trennten sich Anuschkas Eltern und die Mutter verhinderte den Kontakt zu ihrem Vater.

Zuerst konnte sie in einem bewegenden Abschnitt der Aufstellung zu ihrem Vater gelangen.

Dann arbeiteten wir mit der Mutter, bis diese die Erlaubnis gab, dass Anuschka ihren Vater ‚nehmen‘ konnte (Auflösung des Loyalitätskonflikts).

Dazu musste die Beziehungsebene von der Elternebene sauber getrennt werden, i.S.v. „Als Paar sind und bleiben wir getrennt, Eltern werden wir immer bleiben.“

Dann kam eine besondere Schwierigkeit:

Anuschka stellte sich zum Stellvertreter des Alkohols.

Wenn sie beim Alkohol stand, fühlte sie sich ihrem Vater besonders nahe.

Im Laufe der folgenden Gefühlsprozessarbeit stellte sich heraus, dass hier Anuschka aus ihrem Kind-Ich handelte, was wir dann mit hineinnahmen.

Es ergab sich folgendes Anfangsbild:

AE = erwachsene Anuschka, AK = Anuschka als Kind, M=Mutter, V=Vater, A=Alkohol

Anuschka 1

Anfangsbild

Der Alkohol A war eine Abspaltung des Vaters, also abgespaltene Gefühle, die dem Vater unbewusst waren.

Anuschkas Kind-Ich AK hatte sich zu dem abgespaltenen Teil des Vaters (Alkohol A) gestellt, um ihrem Vater auch in diesem Teil nahe zu sein.

Dieser wahrscheinlich traumatisierte Teil des Vaters wurde vom Kind-Ich wie adsorbiert.

Im kindlichen Teil von Anuschka sind all die Sehnsüchte gegenüber und Versäumnisse des Vaters gespeichert – all das, was der Vater ihr nicht geben konnte und was sie so dringend gebraucht hätte.

Für Anuschka ist es aber wichtig einzusehen, dass sie es von ihrem Vater nicht bekommen konnte und diese Hoffnung zu begraben.

Sie kann aber als Erwachsene ihrem Kind-Ich das Versäumte auf anderen Wegen zukommen lassen (der Vater ist ja mittlerweile verstorben).

Als abschließende Interventionen stellte ich deshalb den abgespaltenen Teil des Vaters A (zuvor Alkohol) neben den Vater und das Kind-Ich zur erwachsenen Anuschka.

Anuschka 2

Endbild

Das Spüren des abgespaltenen Teils ist für den Vater heilsam.

Aber auch das Nebeneinanderstehen von Alkohol und Vater ist für Anuschka wichtig zu sehen, um wahrzunehmen, dass es dort nichts zu holen gibt.

Anuschkas erwachsener Anteil hat jetzt die Aufgabe, sich um den Kindanteil zu kümmern.

Nachgang

© Artem Furman - Fotolia.com

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Es war für Anuschka ein langer Weg, vom Alkohol loszukommen.

Ihren Kindern zuliebe hat sie die Ausdauer gehabt, das durchzustehen.

Während die Anonymen Alkoholiker ihr halfen, den Kampf nicht allein zu führen, bearbeitete sie mit dem Familienstellen die waren Ursachen.

Anuschka ist seit zwei Jahren ‚trocken‘.

Ich empfehle beim Alkoholismus eine mehrstufige Strategie aus Familienstellen und anderen Hilfen wie z. B. die Anonymen Alkoholiker.

Letztendlich braucht es aber auch die Kraft, den Mut und den Willen, das Problem anzuerkennen und es mit Ausdauer lösen zu wollen.

2 Antworten : Alkoholismus: Warum es so schwer ist, vom Alkohol wegzukommen”

  1. Beatrice sagt:

    Lieber Marc,

    Dieser neue und sehr schön differenzierte Artikel zum Thema Alkohol gefällt mir sehr gut. Ich werde ihn gleich teilen.

    Danke Dir dafür.

    Liebe Grüße
    Beatrice

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