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Alleinerziehende Mütter mit Söhnen: Für beide Seiten schwierig

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© alephnull - Fotolia.com

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„Meine Mutter hat sich oft wie ein kleines Kind benommen. Ich konnte nie wirklich Kind sein. Entweder musste ich sie aufheitern, wenn sie depressiv oder überfordert war. Oder ich musste sie bitten, mit mir zu Opa zu gehen, damit wir genug Geld für die Miete hatten.“

„Das hört sich an, als musstest du schon früh erwachsen werden …“

„Ja …“, seufzt Gabor, „nur wenn ich bei meinen Großeltern väterlicherseits in Köln war, konnte ich ganz Kind sein …“

„Und dein Vater?“

„Den habe ich nur wenig gesehen …“

Alleinerziehende Mütter

In Deutschland gab es in 2013 knapp 2,3 Mio. alleinerziehende Mütter und nur 385.000 alleinerziehende Väter. Alleinerziehende Mütter haben mit vielen Herausforderungen zu kämpfen. Haben sie einen oder mehrere Söhne, kommen noch rollenspezifische Probleme hinzu – gerade dann, wenn der Vater gar nicht oder nur sehr wenig präsent ist. Es kommt oft vor, dass ein Sohn einer alleinerziehenden Mutter erst nach der Grundschule auf einer weiterführenden Schule das erste Mal sich mit einer männlichen Autoritätsperson regelmäßig auseinandersetzen muss – einem Lehrer. Zuhause, in Kindergarten und in der Grundschule begegnen dem kleinen Jungen fast ausschließlich Frauen. Diese „Feminisierung“ der Erziehung des männlichen Nachwuchses führt oft zu einer latenten oder sogar offenen Rollenunsicherheit aufgrund fehlender, männlicher Vorbilder.

 

Die Sicht des Familienstellens

© Markus Bormann - Fotolia.com

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Wichtig ist bei alleinerziehenden Müttern mit Söhnen, dass die Mutter immer respektvoll über den Vater spricht und dem Sohn seinen Vater nicht vorenthält (egal was für ein Arsch er zu sein scheint …). Kinder haben immer ein großes, inneres Bedürfnis, ihre Wurzeln kennenzulernen und sie müssen sich selbst ein Bild vom anderen Elternteil machen. Und so mancher „Arsch“ als Partner ist seinem Sohn liebevoll zugewandt.

Systemisch ideal wäre auch ein geteiltes Sorgerecht, auch wenn der Sohn überwiegend bei der Mutter wohnt. Ich kann allerdings jede Frau verstehen, die sich nicht dauernd von ihrem Ex bei jeder Entscheidung, das Kind betreffend, in die Suppe spucken lassen möchte …

 

Die 3 großen Fallen bei Alleinerziehenden Müttern mit Söhnen aus familienstellerischer Sicht

 

Triangulierungsfalle:

Der Sohn nimmt den Platz seines Vaters bzw. eines Partners der Mutter ein und wird „groß“ und „aufgebläht“. Die Mutter hat den Sohn auf die Erwachsenenebene geholt und behandelt ihn bewusst oder unbewusst gleichrangig. Dies überfordert den Sohn aber auf längere Sicht und er sehnt sich innerlich nach dem Kindstatus zurück, obwohl er sich äußerlich klasse und „wichtig“ fühlt. Zusätzlich ist damit der Platz für eine Partnerin beim Sohn mit der Mutter besetzt und er hat Schwierigkeiten, eine echte und tiefe Bindung mit einer Frau einzugehen.

Parentifizierungsfalle:

Hierbei kommt es zu einer Art Rollenumkehr – die Mutter ist bedürftig und der Sohn „bevatert“ seine Mutter, indem er für sie sorgt und darauf achtet, ihr alles recht zu machen. Hier überspringt er im Vergleich zur Triangulierung gleich zwei Rangstufen und ist dementsprechend noch mehr überfordert – Burn-out und Erschöpfungszustände sind vorprogrammiert.

Falle der Rolle eines intimen Vertrauten:

Auch wenn es für eine einsame Mutter schwer sein mag und sie sich nach Austausch und Konversation sehnt: Intimes und Schuldeingeständnisse von Vergangenem gehen die Kinder nichts an. Geschieht es doch, sollte der Sohn laut Hellinger versuchen, es „spirituell zu vergessen“ und sich von der Thematik zurückziehen. Es ist auch legitim, die Mutter zu bitten, diese Themen ihm gegenüber nicht anzuschneiden oder Andeutungen zu machen.

 

Gabors Aufstellung

Vorgespräch (gekürzt):

„Was war mit dem Vater deiner Mutter, Gabor?“

„Er war Seemann und immer nur für kurze Zeit zuhause.“

„Und deine Großmutter?“

„Sie hatte 8 Kinder und meine Mutter erzählte einmal, dass sie nur ein einziges Mal von ihr in den Arm genommen worden war, als sie nicht mehr ein Kleinkind war.“

„Was ist bei deinem Vater?“

„Er ist reisender Handelsvertreter. Meine Mutter und er haben sich kurz nach meiner Geburt getrennt, ohne dass sie geheiratet hatten.“

„OK, dann stellen wir dich, deine Mutter und evtl. später ihre Eltern.“

Gabor 1

Abbildung 1: Anfangsbild

G = Gabor, M = Mutter, V = Vater

Gabor steht in einer unterstützenden Position hinter seiner Mutter. Sie versucht sich immer wieder, an ihn anzulehnen.

L = Leiter der Aufstellung, andere Abkürzungen wie oben

L (zu G): Wie geht es dir hinter deiner Mutter?

G: Es ist anstrengend.

L (zur M): Was ist bei dir?

M: Ich fühle mich so gut. Etwas schwach. Es tut gut, sich immer wieder an Gabor anzulehnen.

L (zum V): Was ist beim Vater?

V: Ich will mit all dem nichts zu tun haben.

Trotz mehrerer Versuche kommt es zu keiner echten Begegnung zwischen dem Vater und der Mutter. Der Vater entzieht sich. Die Mutter will ebenfalls vom Vater nichts mehr wissen.

Wir nehmen die Eltern der Mutter in die Aufstellung.

Gabor 2

Abbildung 2: Zwischenbild

G = Gabor, M = Mutter, V = Vater, GMm Großmutter mütterlicherseits, GVm = Großvater mütterlicherseits.

L (zu G): Ändert sich was für dich, wenn deine Großeltern mütterlicherseits in der Aufstellung sind?

G: Ja, meine Mutter lehnt sich weniger an mich an.

L (zur M): Hat sich für die Mutter was verändert?

M: Ja, mich zieht es zu meinen Eltern, gleichzeitig bin ich auch von ihnen eingeschüchtert.

L (zur M): Ich würde gern ein Experiment durchführen. Würdest du die Augen schließen und nochmals zu deinem Sohn im Rücken spüren.

M: OK.

L (zur M): OK, hast du das Gefühl?

M: Ja.

L (zur M): Behalte die Augen geschlossen. Ich tausche jetzt deinen Sohn gegen eine andere Person aus.

Statt des Sohnes stelle ich hinter die Mutter ihren Vater und Gabor mit etwas Abstand neben sie.

Gabor 3

Abbildung 3: Zwischenbild 2

G = Gabor, M = Mutter, V = Vater, GMm Großmutter mütterlicherseits, GVm = Großvater mütterlicherseits.

L (zur M): Wie fühlt sich das für dich an?

M: Gut, sogar sehr gut. Besser als bei Gabor.

L (zur M): OK, öffne die Augen und dreh dich mal um.

M: Oh …

L (zur M): Das ist dein eigentliches Bedürfnis. Kannst du dich mal mit deinem Vater im Rücken deinem Sohn zuwenden?

Sie macht es. Gleichzeitig stelle ich den Vater ein Stück neben Gabor.

Gabor 4

Abbildung 4: Endbild

G = Gabor, M = Mutter, V = Vater, GMm Großmutter mütterlicherseits, GVm = Großvater mütterlicherseits.

L (zur M): Sag mal zu Gabor, wenn es für dich stimmt: Ich bin deine Mutter und du bist mein Sohn.

Sie sagt es.

L (zur M): Kannst du ihm noch sagen: Ich bin die Große und du bist der Kleine?

Sie tut es nach einigem Zögern.

L (zur M): Hat es nicht gestimmt oder war es nur ungewohnt?

M: Mmmmh … es ist ungewohnt. Er war die ganze Zeit „groß“ für mich.

L (zu G): Wie geht es dir, wenn deine Mutter zu dir sagt, dass du der Kleine bist.

G: Erst war ich entrüstet, jetzt aber bin ich erleichtert.

L (zu G): Kannst du ihr sagen: Ich bin dein Sohn und du bist meine Mutter, ich bin der Kleine und du die Große. Lass dir dabei Zeit!

Er sagt es bedächtig. Zwischendrin schaut er kurz zu seinem Vater, der ihm einen wohlwollenden Blick zuwirft.

L (zu G): Ist dir aufgefallen, dass sich dein Vater auf einmal für dich zu interessieren scheint?

G: Ja.

L (zu G): Kannst du auch zu ihm sagen, dass du der Kleine bist usw.?

Er macht es. Sie lächeln sich an.

L: Ich würde es hier stehen lassen.

L (zu Gabor im Stuhlkreis): Lass die Erfahrungen deines Stellvertreters tief in dich einsinken und nachwirken. So wie es sich hier gezeigt hat, hat sich bei deiner Mutter und auch bei deinem Vater einiges getan.

Wir beenden die Aufstellung.

 

Fazit:

© Gina Sanders - Fotolia.com

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Alleinerziehende Mütter und ihre Söhne haben es nicht leicht miteinander. Es bedarf einer gewissen Bewusstheit bei der Mutter, um nicht in eine der 3 großen Fallen zu tappen (Triangulierung, Parentifizierung, Sohn in Rolle eines Vertrauten drängen).

Gabor steckte mit seiner bedürftigen Mutter in einer Parentifizierung.

Wenn alleinerziehende Mütter sich diese 3 Gefahren immer wieder bewusst machen, können sie das fragile Boot der Mutter-Sohn-Beziehung auch in unserer Zeit einigermaßen gut durch die Stürme des Lebens navigieren.

Ich wünsche den Müttern die Kraft, Ausdauer und die Bewusstheit, dieses Ziel zu erreichen.

 

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