Versöhnung mit dem Schicksal - Marc Baco
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Versöhnung mit dem Schicksal

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© Photographee.eu - Fotolia.com

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„Es kommt mir wie gestern vor: wir fahren nachts über eine Landstraße. Neben mir sitzt Udo, mein bester Freund. Ich fuhr, denn ich hatte wenig Alkohol getrunken. Udo hingegen war gut angeheitert. Plötzlich fährt ein Mähdrescher auf die Fahrbahn und blendet uns mit seinen Scheinwerfern. Ich mache eine Ausweichbewegung, der Mähdrescher auch – aber wir beide in dieselbe Richtung. Dann wache ich im Krankenhaus auf, eingegipst und schwer verletzt. Udo war sofort tot, erfahre ich später vom Arzt. Seitdem habe ich keine Freude mehr am Leben.“

„Das war wirklich tragisch …“

„Ja …“, Andreas vergräbt sein Gesicht in den Händen.

„Fühlst du dich schuldig für Udos Tod?“

„Ja …“

„Bist du bereit dafür, dass wir vorsichtig die Situation aufstellen und untersuchen?“

„OK …“

Im Verlaufe des weiteren Vorgesprächs kommt heraus, dass die damals ermittelnde Staatsanwaltschaft sowohl den Bauern als auch Andreas für unschuldig befunden hatte und es als einen tragischen Unfall wertete.

Die Aufstellung von Andreas

Zuerst stellen wir die Beteiligten des Unfalls auf:

A=Andreas, U=Udo, B=Bauer

Andreas 1

Abbildung 1: Anfangsbild

Andreas und Udo stehen sich gegenüber, wobei Udo die Augen geschlossen hat. Der Stellvertreter von Andreas schaut immer wieder verschämt auf den Boden. Der Bauer schaut etwas teilnahmslos den beiden zu.

Nach Rücksprache mit dem Stellvertreter des Bauern entlassen wir ihn, weil er hier für den Lösungsprozess keine Bedeutung hat.

L= Leiter der Aufstellung, A=Andreas, U=Udo

L (zu A): Wie geht es dir jetzt, wenn du Udo gegenüberstehst.

A: In mir läuft gerade ein Feuerwerk an Emotionen ab: Schuld, Scham, Sehnsucht mit ihm zu sprechen, schlechtes Gewissen, Freude …

L (zu A): Kannst du so sein und ich kann mich Udo zuwenden oder brauchst du Unterstützung?

A: Es geht …

L (zu U): Wie geht es dir, Udo?

U: Friedlich. Ich will eigentlich nur schlafen, aber ich spüre die dauernde Aufmerksamkeit von Andreas.

L (zu U): Andreas ist heute hier, weil er sich in seinem Leben gehemmt und unglücklich fühlt seit dem Unfall. Bist du bereit, Andreas zu unterstützen, wieder ein normales Leben zu führen?

U: OK … Ich habe meinen Frieden …

L (zu U): Andreas leider nicht. Würdest du die Augen öffnen und ihn mal anschauen?

Udo öffnet die Augen und schaut Andreas freundlich an.

L (zu A): Wie geht es dir jetzt, wenn dich Udo anschaut?

A: Immer noch viele Emotionen. Vielleicht etwas mehr Freude …

L (zu U): Bist du auf Andreas wegen des Unfalls und deines Todes in irgendeiner Form böse oder vorwurfsvoll?

U: Nein!

L (zu A): Was ist bei dir, wenn du hörst, dass da nichts Negatives zwischen dir und Udo steht?

A: Ich … kann es gar nicht so glauben …

L (zu U): Kannst du zu Andreas mit eigenen Worten so etwas sagen, wie: „Der Unfall und mein Tod war mein Schicksal! Du trägst keine Schuld!“

Udo sagt es.

L (zu A): Was ist bei dir, wenn du das hörst?

A: Einerseits bin ich irgendwie erleichtert, aber andererseits ist da auch Unglauben …

L: OK. Wir nehmen mal das Schicksal mit in die Aufstellung hinein. Andreas, nimm du doch bitte den Platz deines Stellvertreters ein, wenn du bereit dazu bist.

Andreas 2

Abbildung 2: Zwischenbild 1

A=Andreas, U=Udo, S=Schicksal

L (zu A): Fühl dich mal ein und spüre auch mal bewusst Richtung Schicksal.

Andreas bekommt drei Minuten Zeit, die Situation in sich aufzunehmen.

L (zu A): Bist du bereit?

A: Ja.

L (zu S): Sag Andreas mal mit deinen Worten, dass es dein Wille und deine Macht war, dass Udo starb und Andreas weiterleben durfte.

S: Udos Zeit war gekommen, du durftest weiterleben – das ist die Macht des Schicksals.

Andreas beginnt still zu weinen.

L (zu A): Kannst du die Macht des Schicksals anerkennen?

A: Ja …

L (zu A): Gut. Die Ohnmacht gegenüber dem Schicksal ist eine gesunde Ohnmacht – sie anzuerkennen, braucht echte Demut. Kannst du das?

A: Ich weiß nicht …

L (zu A): Vielleicht hilft es dir, wenn du dich erst von Udo verabschiedest – damals war ja alles ganz plötzlich …

A: Ja!

In den nächsten Minuten geht Andreas ganz langsam auf Udo zu, umarmt ihn und verabschiedet sich von ihm, dann tritt Udo hinter das Schicksal, mit dem Andreas jetzt weiterarbeitet.

Andreas 3

Abbildung 3: Zwischenbild 2, Abkürzungen wie oben

L (zu A): OK. Könntest du dir vorstellen, dich vor dem Schicksal und seiner Macht zu verneigen, vielleicht sogar Danke! sagen dafür, dass du überlebt hast?

A: Ja …

L (zu A): Mach es mal ganz langsam und bewusst.

Andreas verneigt sich langsam vor dem Schicksal und bedankt sich. Ich fasse in auf Herzhöhe an seinen Rücken, weil er leicht zu zittern anfängt, um Traumaenergien abzuleiten, die jetzt diesen Prozess stören würden.

Dann gebe ich dem Schicksal ein großes Kissen in die Hände.

L (zu A): Wenn man wie du, Andreas, so einen schweren Unfall überlebt hat, muss man oft sich das Leben als 2. Chance neu nehmen. Deine bisherige Lebenshemmung hat gezeigt, dass du das scheinbar noch nicht getan hast. Möchtest du es probieren?

A: Ja.

L (zu A): OK, gehe ganz langsam auf das Schicksal zu und nehme dir das Kissen als Symbol des neuen Lebens.

Andreas macht es, wobei er einige Zeit braucht.

L (zu A): Wenn du das Kissen hast, lauf mal bis an den Außenkreis, der jetzt die „Möglichkeiten der Zukunft“ symbolisieren soll, OK?

Andreas 4

Abbildung 4: Endbild

Andreas steht mit dem Kissen ganz fest an die Brust gedrückt am Außenkreis und strahlt.

Wir beenden die Aufstellung.

Nachbetrachtung

Die Überschrift dieses Artikels heißt „Versöhnung mit dem Schicksal“. Tatsächlich hat es aber mehr damit zu tun,

– anzuerkennen, was ist

– sich selbst zu vergeben

– und das Geschenk des (2.) Lebens voll anzunehmen.

Mit der Geisteshaltung der Demut kann man viele heilsame, innere Prozesse anstoßen. In einer Aufstellung kann man die Entwicklung der Demut symbolisch unterstützen, um Unabänderliches wie Tod, Schicksalsschläge und Ähnliches aufzufangen.

Demut heißt nicht, alles klaglos hinzunehmen.

Für Überlebende von Katastrophen, Unfällen, Vertreibungen, Kriegen etc. ist neben der Traumaarbeit das Annehmen des Geschenks des Lebens in Demut ein wichtiger Schritt zur Heilung und Verarbeitung.

Für Andreas wäre es jetzt ratsam, die in seinem Nervensystem gespeicherte Traumaenergie Schritt für Schritt abzuleiten und aufzulösen.

Gut wäre auch, um das Ergreifen des 2. Lebens zu verankern, etwas völlig Neues zu beginnen, was ihm richtig Spaß macht, z. B.

– ein neues Hobby,

– ein neuer Job,

– ein kleines, regelmäßiges Ritual zum Feiern des Lebens.

© crazymedia - Fotolia.com

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Damit wird dem Unterbewusstsein eine klare Botschaft der Veränderung zum Guten gesendet.

Hellinger empfiehlt nach einer solchen Aufstellung, für eine gewisse Zeit bei jeder Begegnung mit einem anderen Menschen innerlich zu sich selbst zu sagen: „Ich lebe!“

Ich würde den Satz ergänzen zu:

„Ich lebe – das Leben ist wundervoll!“

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