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Magisches Denken und Handeln contra Würde

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© dimedrol68 - Fotolia.com

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Daniel steht vor seiner Mutter mit einem symbolischen Kissen in der Hand.

Seine Mutter ist bereit, dass Kissen entgegenzunehmen, das für ihre Trauer steht, die Daniel für sie übernommen hat.

„Ich … kann es ihr nicht zurückgeben …!“

Er drückt das Kissen an sich.

„Sie kann es nicht tragen … ich trage es für dich, Mutti!“

Beinahe hätten wir hier abbrechen müssen …

Wie kommt es, dass Daniel es nicht schafft, das Kissen an seine Mutter zurückzugeben – schließlich ist es ihre Trauer?

Hier wirkt das magische Denken, Fühlen und Handeln.

Das magische Denken ist grundsätzlich eine Phase in der Kindheit, in der Märchen, Sagen und Legenden eine große Rolle spielen.

Die kindliche Welt ist zu dieser Zeit ein magischer Ort, in der Magie, Zauberei und Wunder überall geschehen.

Dazu kommt, dass je kleiner die Kinder sind, desto stärker sind sie in der Bindungsliebe zu ihrer Familie eingebunden.

© Andrey Kiselev - Fotolia.com

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Wenn irgendwann in der Kindheit ein Familienmitglied ersetzt oder etwas sühnen muss oder etwas wiedergutzumachen ist, jemandem etwas abzunehmen oder zu teilen ist oder sonstwie „erlöst“ werden muss, dann springt das Kind unbewusst ein.

Das Kind tut dies aus blinder Liebe zum Familiensystem (Bindungsliebe).

Obwohl diese Liebe tatsächlich die Macht hat, das Belastende überwiegend zum Kind zu ziehen und den Betroffenen erleichtert, löst es das zugrunde liegende Problem nicht bzw. ändert die Tatsachen nicht – beispielsweise bleibt der Bruder der Mutter tot, sucht der Vater immer noch seine Heimat oder die Schwester bleibt geistig-behindert.

Jetzt leiden sogar zwei: der ursprünglich Betroffene und das Kind, das Belastendes auf sich genommen hat.

Dazu kommt eine Anmaßung und ein Gefühl der Überlegenheit und Macht beim Kind – schaut her, was ich (er)tragen kann!

Dies ist zumeist unbewusst.

Und dann setzt im Laufe der Zeit ein Gewöhnungseffekt ein: ja, so ist es; das ist meine Funktion in der Familie; jetzt habe ich eine wichtige Position in der Familie und einen wichtigen Platz.

Das Belastende zu tragen, Dinge zu übernehmen wird zu einem Teil der Eigendefinition: schließlich gehört es zu einem selbst.

Erst ein Anwachsen des Leidensdrucks – meist Überforderung in irgendeinem Bereich – lässt den nun Erwachsenen innehalten und nachforschen, warum so vieles auf ihm/ihr lastet.

 

Die Lösung erfordert Demut

Wenn dann der/die Betroffene zu einer Aufstellung findet, lässt sich leicht erkennen, dass er/sie etwas übernommen hat.

Das Übernommene jedoch zurückzugeben, ist dann meist nicht so einfach.

Es erfordert echte Demut.

Da das Belastende so in Fleisch und Blut übergegangen und als zu einem selbst gehörig gefühlt wird, kommt bei vielen die Frage auf, wer man dann noch ist, wenn man das Belastende nicht mehr trägt.

Einerseits ist man erleichtert, andererseits fühlt man sich mit sich fremd.

Daran muss man sich erst gewöhnen.

Es kann durchaus sein, dass man für eine gewisse Zeit „in ein Loch fällt“.

Jetzt braucht es Geduld.

Neue Möglichkeiten tun sich schon bald auf und sich neu zu entdecken (ohne das Fremde/Übernommene) kann auch sehr viel Spaß machen.

 

Der Aspekt der Würde

Vonseiten dessen, dem das Belastende abgenommen worden ist, gibt es auch einiges zu beachten.

© mojolo - Fotolia.com

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Grundsätzlich gilt im Familienstellen, dass jeder sein eigenes Schicksal tragen muss (und auch kann).

Übernimmt jemand anderes das oder einen Teil des Schicksals – und sei es auch noch so belastend –, so nimmt der Übernehmende auch die oder einen Teil der Würde des Betroffenen.

Sich mit seinem Schicksal selbst und allein auseinanderzusetzen, ist eine wichtige seelisches Erfahrung und wichtig für die (spirituelle) Reifung des Individuums.

Sein Schicksal selbst zu tragen, ist also ein Ausdruck der Würde eines jeden Menschen.

Das schließt erwünschte Hilfe (zur Selbsthilfe) nicht aus – sie darf aber nie aufgedrängt werden.

 

Daniels Aufstellung

Daniel steht wie oben beschrieben seiner Mutter gegenüber und will ihr das Kissen (Das Symbol der Trauer der Mutter über den Verlust ihres Bruders) nicht zurückgeben.

D=Daniel, M=Mutter, S=Schicksal, L=Aufstellungsleiter

L (zu M): Sag Daniel mal, dass die Trauer zu dir gehört und du sie wiederhaben möchtest, wenn es für dich stimmt.

M (zu D): Bitte gib mir meine Trauer wieder zurück. Sie gehört zu mir.

D: Dann fühlst du dich nur schlecht. Ich kann es besser tragen.

L (zu D): Weißt du, Daniel, wenn deine Mutter die Trauer zurückhat, kann sie zu Ende trauern und die Trauer kann sich ganz auflösen. Der Trauerprozess ist schon sehr lange unterbrochen.

D: Ja? Aber dann geht es ihr doch schlecht!

L (zu D): Ja, das kann schon sein. Es ist Teil ihrer Würde, die Trauer zu tragen.

L (zu M): Kannst du ihm sagen, dass du mit der Trauer auch deine Würde zurückhaben möchtest?

Die Mutter tut es. Daniel ist sichtlich betroffen.

Schließlich geht er ganz langsam auf seine Mutter zu.

Auf halben Wege stockt er plötzlich.

L (zu D): Was ist mit dir?

D: Es ist als würde ich einen Teil von mir weggeben müssen …

L: OK. Kannst du das Kissen mal kurz vor deine Füße legen und einen Schritt auf die Seite tun?

Daniel macht es.

L: Spüre mal hin zu dem Kissen, aber schau dabei deiner Mutter in die Augen.

Daniel macht es 2 Minuten.

L: Ist das Kissen Teil von dir oder Teil deiner Mutter?

D: Zuerst fühlte ich beides, aber mit der Zeit merkte ich, dass es zu meiner Mutter gehört.

L: OK. Kannst du jetzt das Kissen wieder aufnehmen und zu deiner Mutter bringen?

D: Ja!

Er tut es und steht schließlich direkt vor seiner Mutter.

L: Sag deiner Mutter: ‚Das sind die Gefühle der Trauer, die ich von dir übernommen habe. Bitte nimm sie zurück!‘

Er tut es. Die Mutter nimmt das Kissen an sich. Daniel atmet erleichtert aus.

L (zu M): Sag ihm mal: ‚Das gehört ganz und nur zu mir. Ich trage es jetzt selbst. Das ist Teil meines Schicksals, das ich in Würde trage.‘

Sie sagt es.

L (zu D): Ziehe dich jetzt zurück.

Daniel geht einige Schritte zurück.

L (zu D): Wie geht es dir jetzt?

D: Erleichtert. Etwas ‚leer‘. Es fühlt sich ungewohnt an.

L (zu M): Wie geht es dir jetzt?

M: Gut. Ich fühle mich, als wäre ich etwas gewachsen.

L: OK. Ich würde es dabei belassen.

Wir beenden die Aufstellung.

 

Natürlich hat Daniel die Trauer aus Liebe zu seiner Mutter für sie getragen.

Gleichzeitig hat er aber damit verhindert, dass seine Mutter die Trauer abschließen kann.

Wenn Daniel das nachvollziehen kann, fällt es ihm leichter, die Trauer zurückzugeben.

Das Loslassen von Übernommenen ist auch für den bisherigen Träger ein Reifungsschritt: raus aus dem kindlichen, magischen Denken, rein in die Würde des reifen Erwachsenen.

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