Paradoxe Intervention: Wie man Sturheit aufweichen kann

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„Nein, ich möchte meinen Ex nicht anschauen!“

„Das ist OK. Merkst du, dass du gerade stur bist?“

„Und wenn schon!“

„Wie könntest du noch sturer sein, Beret?“

„Ich könnte mich auch umdrehen.“

„Mach es mal …“

Paradoxe Intervention

Vor einiger Zeit habe ich im Rahmen der Logotherapie von Viktor Frankl auf einige seiner Methoden hingewiesen.

Die wohl bedeutendste ist die paradoxe Intervention (hier ausführlich auf Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Paradoxe_Intervention ).

Im Kontext des Familienstellens ist sie eine gute Eingreifmöglichkeit bei z. B. Sturheit.

In Dudens Synonymwörterbuch findet man gleich eine ganze Latte anderer Wörter für Sturheit: Beharrlichkeit, Beharrungsvermögen, Eigensinn, Eigensinnigkeit, Hartnäckigkeit, Starrheit, Trotz, Trotzköpfigkeit, Uneinsichtigkeit, Unnachgiebigkeit, Verbissenheit, Zähigkeit, Insistenz, Obstination, Perseveranz, Rigorismus, Dickköpfigkeit, Verbohrtheit, Borniertheit, Engstirnigkeit, Halsstarrigkeit, Rechthaberei, Starrköpfigkeit, Starrsinn, Verstocktheit.

Positiv an der Sturheit ist, dass sie klare Grenzen setzt und diese auch verteidigt werden.

Negativ wirkt sich die Sturheit auf das Fühlen, die Empathie und das Mitgefühl aus.

Wenn durch eine paradoxe Intervention der Klient aufgefordert wird, noch sturer zu werden, so passieren gleich mehrere Dinge im System.

Der Klient erkennt dadurch, dass er noch sturer werden kann, dass die Sturheit veränderbar, sogar eventuell skalierbar ist – nach oben und nach unten.

Wenn kein Druck mehr gegen die Sturheit besteht, kann sie auch einfach nur sein und muss nicht neu „befeuert“ werden. Sturheit ist auch anstrengend.

Die Aufforderung „Versuch einmal, noch sturer zu sein!“ ist ein Appell an die Trotzmacht des Geistes. Trotzmacht ist auf jeden Fall das Gegenteil von Opferrolle – eine sehr wichtige Erfahrung für jemanden, der leicht in die Opferrolle gerät.

Ich als Aufsteller stabilisiere zuerst einmal den Status quo des Systems der augenblicklichen Beziehungen und übe keinen Veränderungsdruck aus.

© Laurent Hamels - Fotolia.com
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Ohne Druck kann es leichter zu kreativen, zu der Persönlichkeit passenden Veränderungen kommen.

Ohne Druck auf den Klienten kann dieser sich wieder den anderen gegenüber zuwenden, empathisch sein und deren Bedürfnisse besser wahrnehmen.

Wenn ich als Aufsteller einem vermeintlichen Fehlverhalten Wertschätzung entgegen bringe, verbünde ich mich bis zu einem gewissen Grad mit dem Klienten und kann ihm besser aus einer Vertrauensposition heraus helfen.

„Mach es absichtlich falsch – dann machst du es richtig.“ – Hier: „Sei noch sturer!“ hilft auch, die Selbstverurteilung des Klienten zu durchbrechen.

Die paradoxe Intervention ist besonders gut wirksam, wenn jemand (alte) ungute Muster verlassen, Gewohnheiten ändern oder ablegen und aus Teufelskreisen ausbrechen will.

Dazu „pfeift“ sie gern auch auf gesellschaftliche Normen, die Moral und den Anstand – zumindest vorübergehend.

Die paradoxe Intervention wirkt nicht oder nur eingeschränkt auf völlig humorlose Menschen.

Auch darf sie nicht mit Gleichgültigkeit und Zynismus einhergehen.

Sie ist immer den Menschen zugewandt und wertschätzend.

Berets Aufstellung

Beret kämpft schon seit Monaten mit ihrem Ex um das Sorgerecht ihrer gemeinsamen Tochter. Während ihr Ex durchaus zu Zugeständnissen bereit ist, blockiert Beret immer wieder Einigungen.

Erst als sie merkt, dass es ihrer Tochter immer schlechter geht, macht sie eine Aufstellung, um genauer hinzuschauen, was eigentlich los ist.

Nachdem wir geklärt haben, dass sich ihr Ex nichts Gravierendes hat zuschulden kommen lassen, arbeiten wir mit ihr.

L=Leiter der Aufstellung, B=Beret, E=Expartner, T=Tochter, V=Vater von Beret

L (zu B): Wie fühlt es sich für dich jetzt an, seit du deinem Ex den Rücken zukehrst?

B: Besser … entspannter …

L (zu B): Könntest du noch etwas tun, um noch sturer zu sein?

B: Äh … mir fällt gerade nichts ein.

L (zu B): Wie ist das so, stur zu sein – fällt dir das leicht?

B: Mmmhh … nein, das ist ganz schön anstrengend.

L (zu B): Hast du das Gefühl, dass eine Gefahr besteht, wenn du nicht stur bist?

B: Ich glaube … nicht.

L (zu B): OK. Gab es jemanden in deiner Familie, der besonders stur war?

B: Mmmh … mein Vater!

L (zu B): Stell ihn mal rein in die Aufstellung!

Sie macht es.

Beret 1

Abbildung 1: Anfangsbild mit Vater, Abkürzungen siehe oben

L (zu V): Wie geht’s dem Vater?

V: Gut. Ich freue mich, meine Tochter zu sehen.

L (zu B): Hattet ihr ein gutes Verhältnis?

B: Eigentlich schon. Aber es war auch schwierig.

L (zu B): Wenn du ihn jetzt anschaust und mal in deine Sturheit hineinspürst – wie geht es dir dann?

B: Ich fühle mich ihm verbunden. Näher.

L (zu B): OK. Es sieht so aus, als ob deine Sturheit dich deinem Vater näher bringt. Wir nennen das bei Aufstellungen Bindungsliebe. Das bedeutet auch, dass jedes Mal, wenn du stur bist, dir dein Vater – bildlich gesprochen – wohlwollend auf die Schulter klopft.

B: OK … Was bedeutet das für mich?

L (zu B): Das kann bedeuten, dass du Sturheit dazu benutzt, um dich mit jemand Wichtigen verbunden zu fühlen.

Hast du vielleicht mit deinem Vater eine Art Sturheitswettbewerb machen müssen, um seine Anerkennung zu bekommen?

B (seufzt): Oh, ja …

L (zu B): Das war bestimmt nicht einfach …

B: Anstrengend … es war ziemlich anstrengend …

L (zu B): Kannst du das deinem Vater sagen?

B: Ja.

B (zu V): Es war sehr anstrengend, immer so stur sein zu müssen.

Der Vater ist sichtlich betroffen und schweigt.

L (zu B): Könntest du ihm sagen – wenn es für dich stimmig ist -, dass du gern auch ohne Sturheit seine Anerkennung hättest?

Sie sagt es.

V: Es tut mir leid. Ich wusste nicht, dass du so darunter gelitten hast.

Zögerlich geht Beret auf ihren Vater zu und umarmt ihn.

L (zu B): Wende dich, wenn du bereit bist, doch jetzt mal zu deinem Ex und deiner Tochter um.

Sie macht es und hat dabei ihrem Vater im Rücken.

Beret 2

Abbildung 2: Endbild

L (zu B): Wenn du jetzt zu ihm hinschaust und zu deiner Tochter schaust, was empfindest du?

B: Mmmh … ich merke, dass ich weicher werde. Ich sehe, dass meine Tochter leidet …

L (zu B): Könntest du ihr sagen, dass ihr Erwachsenen eine Lösung findet, ohne dass sie dabei zwischen die Fronten kommt – wenn das für dich stimmt?

B: Ja. Mäuschen, Papa und Mama finden jetzt eine gute Lösung für dich und uns alle.

L (zu E): Ist das auch beim Ex glaubhaft angekommen?

E: Ja – sie wirkt jetzt viel weicher. Ich vertraue auf eine gute Lösung.

L (zu B): OK. Spür jetzt nochmals hier hinein. Ich würde es hierbei belassen und würde mich über gute Nachrichten von dir freuen.

Wir beenden die Aufstellung.

Nachbetrachtung

Um eine leichte Veränderung bei Beret herbeizuführen, habe ich zuerst die paradoxe Intervention angewandt, damit sie sich in ihrer Sturheit angenommen fühlt und sie ohne Druck arbeiten kann.

Dann half ich ihr zu verstehen, dass ihre ausgeprägte Sturheit ein Bindungsliebethema ist: sie fühlt sich darüber besonders mit ihrem Vater verbunden.

Aber sie erkannte auch, wie anstrengend es schon als Kind war, dauernd stur sein zu müssen. Damit wurde ihr wahrscheinlich auch klar, dass sie die Sturheit auch dosiert einsetzen kann, wenn angebracht, oder gar ganz weglassen kann.

Hier in der Aufstellung konnte sie dann mit neuen Augen auf ihren Ex und ihre Tochter schauen und endlich deren Bedürfnisse wahrnehmen.

Ich habe später erfahren, dass es zu einer guten Einigung gekommen ist.

Das ist besonders wichtig für die Tochter. Unter dem Krieg unter den Erwachsenen leiden die Kinder immer besonders stark.


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