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Vom Opfer zum Täter: der „Gewinn“ der Täterstruktur

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© Monkey Business - Fotolia.com

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„Ich verstehe mich selbst nicht mehr: erst dachte ich, dass meine Tochter Jessica immer schwieriger wird und mir deshalb öfter die Hand ausrutscht,“ berichtet Nora, „aber dann hat eine Freundin mir ganz offen gesagt, dass sich Jessica wie ein ganz normales Mädchen verhält und ich sofort mit Gewalt reagiere, wenn mir etwas nicht passt.“

„Wie war es denn in deiner Kindheit mit deinen Eltern?“

„Naja, eine lange Zeit hat mich meine Mutter immer wieder geschlagen. Mein Vater war da gelassener: Wenn der mich böse angeschaut hat, war ich wie erstarrt und er war zufrieden.“

„Wie alt warst du da ungefähr?“

„So ungefähr 7 oder 8 Jahre.“

„Und wie alt ist Jessica jetzt?“

„7 Jahre.“

„Interessant, oder?“

„…?“

„Nun, fast im gleichen Alter, in dem es anfing, dass du geschlagen wurdest, beginnst du deine Tochter vermehrt zu schlagen.“

„Oh …!“

„Lass uns das mal genauer anschauen.“

Noras Aufstellung

Nora lebt getrennt von ihrem Mann allein mit ihrer Tochter Jessica. Der Vater kümmert sich wenig um Jessica. Alles bleibt an Nora hängen, auch die Frustration von Jessica, die ihren Vater sehr vermisst.

Mit einem kurzen Test schließen wir eine Triangulierung bei Nora und bei Jessica aus, um keine Ordnungsstörung zu vergessen.

Doch wie so oft liegt das Problem mit Kindern nicht in der Gegenwartsfamilie (Nora, Jessica, Ex), sondern in der Herkunftsfamilie von Nora.

Deshalb stellen zuerst wir Nora und ihre Eltern auf, und zwar zu dem Zeitpunkt, als Nora 7 Jahre alt war.

Nora 1

Abbildung 1: Anfangsbild

V=Vater, M=Mutter, N=Nora

Die Eltern stehen sich konfrontativ gegenüber. Nora steht fast schlichtend dazwischen. Leider ist sie aber mehr ein Blitzableiter, denn Tatsache ist, dass sich ihre Eltern trotz Dauerstreit bis heute nicht getrennt haben.

Um Nora die Situation zu verdeutlichen, stellen wir jetzt ihre Gegenwartsfamilie mit Jessica und ihrem Ex auf.

Nora 2

Abbildung 2: Zwischenbild 1

N=Nora, Ex=Exmann, J=Jessica (Tochter)

Das Bild sieht erschreckend ähnlich dem Bild ihrer eigenen Kindheit. Jessica ist der Schlichter und Blitzableiter zwischen Nora und ihrem Ex.

Das Ganze ist eine Reinszenierung der Zustände ihrer Herkunftsfamilie, nur das ihr Mann sie verlassen hat, während ihr Vater blieb.

Ab jetzt kommt Nora selbst in die weitere Aufstellung, um wichtige Prozesse voll und ganz zu spüren. Außerdem kommen ihre Eltern mit in die Aufstellung zu ihrem Ex und ihrer Tochter.

Zuerst schaffen wir eine Begegnung zwischen Nora und ihrer Mutter.

Nora 3

Abbildung 3: Zwischenbild 2

V=Vater, M=Mutter, Ex=Exmann von Nora, N=Nora, J=Jessica (Tochter)

L=Leiter der Aufstellung

L (zu N): Schau mal zu deiner Mutter. Was empfindest du, wenn du sie anschaust?

N: Ich … ich bin wütend, habe aber auch angst vor ihr.

L (zu M): Wie geht es der Mutter mit ihrer Tochter?

M: Mmmh … ich habe ein schlechtes Gewissen.

L (zu N): Kannst du deiner Mutter sagen, wie schwer es dich verletzt hat, von ihr geschlagen zu werden?

N: Mama … es hat sehr weh getan – nicht nur körperlich.

© Monkey Business - Fotolia.com

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M: Ich weiß …

L (zu N): Bist du noch wütend auf sie?

N: Nein … irgendwie sacke ich gerade in mich zusammen …

L (zu N): OK, spür das mal. Was für ein Gefühl liegt da unter der Wut …?

N: Trauer …?

L (zu N): Spür mal richtig hin – was ist da vielleicht noch?

N: Jetzt kommt wieder die Angst …

L (zu N): Brauchst du gerade Hilfe durch vielleicht eine Gute Kraft?

N: Ja … bitte … (sie fängt an zu zittern).

L (zu Teilnehmerin): Bitte komme als Gute Kraft hinter sie, ja?

Die Teilnehmerin stellt sich hinter Nora und stützt sie behutsam im Rücken auf der Höhe des Herzens.

L (zu N): Geht es so?

N: Ja …

L (zu N): Spüre jetzt mal ganz vorsichtig in Richtung deines Herzens. Wenn es sich für dich nicht gut anfühlt, spüre schnell zur Hand der Guten Kraft auf deinem Rücken, ja?

Nora atmet ruhiger.

L (zu N): Was kannst du wahrnehmen.

N: Ausgeliefert-Sein … Ohnmacht …

L (zu N): Genau. Spür das mal ganz vorsichtig … du warst deiner Mutter ausgeliefert … keiner hat dir beigestanden … bei euch zuhause herrschten Zustände wie im Krieg …

Nora beginnt leise zu weinen.

L (zu N): Ja, lass es ganz vorsichtig abfließen … all diese Ohnmacht … den Schmerz … das Gefühl, nirgends sicher zu sein … zumindest nicht zuhause …

Nora lehnt sich fast erschöpft zurück an die Gute Kraft und weint stille Tränen.

L (zu N): Ja, es war schlimm. Kannst du da so ganz langsam hinter einen Punkt machen?

N: Ja …

L (zu N): Gut. Du hast überlebt – kannst du das mal sagen?

N: Ich habe überlebt … trotz allem.

L (zu N): Gut.

L (zu M): Wie geht es der Mutter, wenn du deine Tochter so siehst?

M: Ja, ich würde sie schon gern trösten …

L (zu N): Schau ihr mal genau in die Augen! Was siehst du da?

N: Sie meint es nicht ernst. Ihre Augen sind kalt.

L (zu N): Genau. Sie hat wahrscheinlich ihre Gefühle stark abgespalten – vielleicht durch eine traumatische Erfahrung. Ich empfehle dir, dich später von ihr abzugrenzen. Wende dich jetzt mal deiner Tochter zu. Die Mutter stellen wir links von dir – wir werden sie noch brauchen. Die Gute Kraft kann jetzt gehen.

Nora 4

Abbildung 4: Zwischenbild 3

V=Vater, M=Mutter, Ex=Exmann von Nora, N=Nora, J=Jessica (Tochter)

L (zu N): Wie geht es dir, wenn du deine Tochter anschaust?

N: Ach, ich schäme mich …

L (zu N): Ich würde gern ein Experiment machen, um dir etwas zu verdeutlichen – bist du dabei?

N: OK …

L (zu N): Gut. Denke mal daran zurück, als du sie geschlagen hast. Erinnere dich mal an das Gefühl.

N: Wirklich jetzt?

L (zu N): Ja, bitte.

N: OK.

L (zu N): Schau jetzt mal erst zu Jessica … ja, genau … und schau jetzt mal zu deiner Mutter!

Nora wendet sich ihrer Mutter zu. Über ihr Gesicht huscht kurz ein Lächeln, was sofort wieder verschwindet.

L (zu N): Hast du gemerkt, was du eben gemacht hast?

N: Nein, war was?

L (zu N): Du hast ganz kurz gelächelt.

N: Ja?

L (zum Außenkreis): Hat es noch jemand gesehen?

Vier Teilnehmer melden sich und bestätigen es.

L (zu N): Ich wollte dir eine wichtige Dynamik zeigen: Wenn du deine Tochter schlägst, fühlst du dich mit deiner Mutter verbunden – das nennen wir im Familienstellen Bindungsliebe und dieses Lächeln das verräterische geheime Glück der Bindungsliebe – auch bei Schlimmem, das wir tun oder erfahren.

N: Aha …

L (zu N): Kannst du mal zu deiner Mutter sagen: Wenn ich Jessica schlage, fühle ich mich dir ganz nahe!

Nora sagt es und begräbt ihr Gesicht in ihren Händen.

N: Es … stimmt …

L (zu N): Es gibt da noch einen weiteren Aspekt – wir sind leider noch nicht durch. Kannst du noch?

N: Ja … ich muss … meiner Tochter zuliebe …

Jessica will zu ihrer Mutter Nora laufen, um sie scheinbar zu trösten.

L (zu J): Stop! Bleib bitte stehen – es ist besser, wenn du dich da jetzt nicht einmischst.

Jessica geht langsam zurück.

L (zu N): Hast du gesehn, wie sehr Jessica dich liebt – trotz allem?

N: Ja …

L (zu N): Also, der weitere Aspekt ist Folgendes: Wenn du Täterin bist, zum Beispiel gegenüber Jessica, dann kannst du deine alte Ohnmacht aus der Kindheit nicht mehr spüren. Das ist erst einmal erleichternd. Aber psychisch sehr ungesund für dich. Wir haben daran vorhin schon gearbeitet. Bist du bereit, wieder gelegentlich Ohnmacht in deinem Leben zuzulassen – zumindest vorübergehend – sei es den Umständen geschuldet, dem Schicksal oder sonst irgendetwas?

N: OK, ja …

L (zu N): Kannst du es nochmals sagen? Das war noch sehr kraftlos …

N: Ja!

L (zu N): Gut. Kannst du Jessica jetzt sagen, dass es dir leidtut?

N: Ja! Kleines, es tut mir so leid!

Sie breitet die Arme aus. Jessica kommt langsam auf sie zu und sinkt in ihre Arme. Sie bleiben minutenlang so stehen.

Nora 5

Abbildung 5: Schlussbild

V=Vater, M=Mutter, Ex=Exmann von Nora, N=Nora, J=Jessica (Tochter)

L: OK. Ich lasse es für heute so stehen.

Wir beenden die Aufstellung.

 

Nachbetrachtung

© GTeam - Fotolia.com

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Nora fühlt sich ihrer Mutter nah, wenn sie ihre Tochter schlägt. Die Bindungsliebe zum eigenen Familiensystem geht oft seltsame Wege, doch wir dürfen die Macht dieser Kraft niemals unterschätzen und müssen ihr bewusst Aufmerksamkeit schenken. Dies war ein Aspekt der Gewalt gegenüber ihrer Tochter.

Der andere Aspekt liegt in einer angenommenen Täterstruktur. Jetzt als Täterin kann sie die Ohnmacht von damals als Kind (Opferstruktur) überspielen und verdrängen.

Diese Ohnmacht musste sie zuerst (wieder) spüren und annehmen, bevor sie die Täterstruktur verlassen konnte. Das Sicherheitsgefühl, das mit der Täterstruktur einhergeht, ist der eigentliche Gewinn dieser Struktur. Erkauft wird sie meist mit Kontrollzwang, Manipulation des Umfeldes und oft auch Gewalt.

Beide Geschlechter sind übrigens meiner Erfahrung nach gleich betroffen von dem Phänomen Täterstruktur. Männer neigen mehr zum Stilmittel Gewalt, Frauen mehr zur Manipulation, beide treffen sich beim Kontrollzwang in der Mitte.

Wir sollten immer sehr vorsichtig sein bei der Verurteilung von Tätern: in der Regel waren Täter zuvor Opfer, und selbst wenn eine Identifikation zugrunde liegt, sind sie Opfer dieser Verstrickung, die sie nicht sie selbst sein lässt.

Hellinger hat einmal einen guten Satz in diesem Zusammenhang gesagt:

„Verurteile die Tat auf das Schärfste, aber nicht den Täter!“

Dem gibt es nichts hinzuzufügen …

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